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Burstup

Physische Welt, virtuelle Realität. Politik und Kultur.

13. 12. 2012 - 10:35

EVE Online: Retribution

Die aktuelle Erweiterung des isländischen Multiplayer-Rollenspiels „EVE Online“ bereinigt Schwächen, die von der Spielercommunity lange kritisiert wurden - und ist ein schönes Beispiel für funktionierende Feedback-Kultur.

Man stelle sich diese Spielsituation vor: Ein Pilot hat wochenlang in einem Asteroidengürtel Minerale geschürft, sie zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort gebracht und mühselig ein kleines Vermögen erwirtschaftet. Er kauft sich ein spezielles Industrie-Raumschiff, mit dem Asteroidenbergbau und Handel um ein vielfaches schneller zu bewerkstelligen sind – und verliert das mühsam zusammengesparte Schiff noch am selben Tag durch den Angriff eines anderen Spielers. In EVE Online ist das ein alltägliches Szenario. Piraten, Diebe und Betrüger sind im virtuellen Weltraum des isländischen Gamedevelopers CCP genauso alltäglich wie Industrielle, Diplomaten, Söldner oder Banker. Der Reiz des Weltraum-Spiels liegt unter anderem darin, dass es keine vorgebenenen Berufslaufbahnen oder Klassen wie in vielen Fantasy-Rollenspielen gibt. Außerdem wird EVE Online auf einem einzigen Servercluster gespielt und somit in einer ungeteilten Galaxie, in der die Handlungen eines Spielers Konsequenzen für Tausende andere haben können.

Ice Mining

CCP

Konsequenzen haben in den vergangenen neun Jahren aber nicht immer jene Wegelagerer, Räuber und Erpresser gespürt, die sich zu kleinen Gangs zusammengerottet auf die Lauer neben Sprungtoren oder Asteroidenfeldern gelegt haben, um „friedlich“ spielende Piloten wie den oben beschriebenen Schürfer auszuplündern. Wer in EVE Online nicht auch selbst bis an die Zähne bewaffnet war oder gut bewaffnete Begleiter hatte, konnte zwar viele ISK (Interstellar Kredits) anhäufen, aber sich kaum gegen Überfälle wehren. Ein dysfunktionales „Bounty System“ tat dazu sein übriges: Zwar konnte man Belohnungen auf den Kopf jener Piraten aussetzen, die einem Übles angetan hatten, doch für potentielle Kopfgeldjäger gab es kaum Möglichkeiten, auch wirklich die Verfolgung im riesigen Spieluniversum von EVE aufzunehmen.

Und wenn nach einigen Wochen des schurkenhaften Spiels schon einige Milliarden an Kopfgeld auf einen Piraten ausgesetzt waren, lachte sich dieser sogar noch ins Fäustchen, weil er sein Raumschiff freiwillig von Freunden zerstören ließ und sich die Milliarden selbst mit ihnen teilte. Das Kopfgeld-System diente als zusätzliche Einnahmequelle anstatt als gerechte Konsequenz für die „böse“ Rolle im Spiel. Retribution, die seit 4. Dezember online erhältliche Erweiterung von EVE, ändert das.

Yulai

CCP

Zum einen ist es nun möglich, private „Kill Rights“, die man für die ersten Minuten nach einem Angriff erhält, an die Öffentlichkeit weiterzugeben. Diebe und Angreifer werden genauer als bisher als solche gekennzeichnet und sind somit leichtere Ziele für willige Helfer und Kopfgeldjäger. Kopfgelder können nun außerdem nicht nur auf einzelne Spieler, sondern auch auf deren Corporations – das Äquivalent zu Clans und Gilden in anderen Onlinespielen – ausgesetzt werden. Schon in den ersten Tagen seit dem Start von Retribution nutzten zahlreiche „friedliche“ Spieler diese neuen Möglichkeiten. Sie rächen sie nun sozusagen indirekt an ihren Feinden, die darauf oft mit mehr Drohungen reagieren. EVE-Veteran Brendan „Nyphur“ Drain zitiert die Antwort eines Asteroidenschürfers an einen Piraten, der wutentbrannt auf seine ungewohnt heftige Verfolgung reagiert hatte: "I have deep pockets. Every kill you make on me, I will add as a bounty on your corp; every kill right, I will sell. I can't fight you but others can and you will have to lose five times my loss for wronging me." Und das ist, wie Nyphur völlig richtig bemerkt, "awesome".

Bounty Office

CCP

Die wohlfeile Verbesserung der Rollenspiel-Mechanik ist aber nicht das bemerkenswerteste an Retribution. Was höchste Anerkennung verdient, ist die Fähigkeit des Indie-Gamedevelopers CCP, seinen Fans zuzuhören und deren Änderungsvorschläge umzusetzen. EVE Online ist das einzige Rollenspiel, dessen Spielergemeinschaft jedes Jahr eine demokratisch gewählte Vertretung zu persönlichen Gesprächen mit den Entwicklern schickt - in Notfällen auch öfter, wie etwa nach der misslungenen Incarna-Erweiterung.

Von den Spielern damals stark kritisierte Pläne wie die Einführung eines Cash-Shops für Bekleidung oder Social-Gaming-Komponenten in Raumstationen, die dem Spiel im Weltraum nichts oder nur wenig gebracht hätten, wurden nach wochenlangen Protesten der Community wieder zurückgefahren. Mit Retribution und Inferno machte CCP vergangene Fehler wieder gut und gewann das Vertrauen der alten Freunde zurück. Das ist die wahre Leistung dieser achtzehnten Erweiterung von EVE Online, die wie immer kostenlos erhältlich ist und vor dem Einloggen automatisch installiert wird.

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  • robertglashuettner | vor 1654 Tagen, 1 Stunde, 8 Minuten

    schön, dass die quasi-anarchie von EVE jetzt etwas gebremst worden ist.

    die episode mit den vanity items finde ich nach wie vor kurios. das passt so überhaupt nicht zu einem hardcore-MMO wie EVE, dass ich mir das nur so erklären kann, dass ein besonders smarter externer social-media-berater CCP ganz neu umkrempeln wollte. bis sie ihn wieder rausgeworfen haben.

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