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Burstup

Physische Welt, virtuelle Realität. Politik und Kultur.

30. 8. 2012 - 21:04

Mondgänse, Flugdrohnen und Bildschirmsprünge

Erste Eindrücke vom Eröffnungstag des Ars Electronica Festivals 2012.

Im Mittelpunkt des Ars Electronica Festivals steht dieses Jahr die Frage nach zukunftsfähigen Weltbildern, die der fortschreitenden Vernetzung der Welt Rechnung tragen. So weit zum Klappentext. In der Praxis ist ein erster Tag auf der Ars immer eines: verwirrend. Die freundlichen Helferleins wissen selbst noch nicht so genau, wo Künstler X oder Installation Y genau zu finden ist, manche Ausstellungsobjekte werden noch fertiggebaut. Eines ist aber schon fixfertig und auch leicht zu finden - das mobile FM4-Studio im Ars Electronica Center:

FM4-Studio

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Draußen lacht die Sonne, also zieht es mich zum u19-Bereich, wo Kinder und Jugendliche ihre Projekte, Ideen und Kunstwerke vorstellen. Dort, direkt am Donauufer, wurde wieder einmal ein ganzes Dorf aus Zelten, Containern und Open-Air-Hangouts aufgebaut. In einem dieser Bereiche sitzen Teenager mit Lötkolben und konzentrieren sich sehr. Sie wollen eine E-Gitarre selbst bauen. Ja, gibt's denn sowas!

Teenager mit Lotkölben

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Die motivierten Elektrobastler nutzen dafür den Bereich von OTELO, seit vielen Jahren eine wichtige Kreativwerkstatt in Oberösterreich. Gebaut werden dort unter anderem auch ferngesteuerte, fliegende Kameradrohnen:

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Die Drohnen steuert man im Idealfall mit einem Android-Tablet. Hier im Bild sieht man allerdings ein gekauftes Modell namens "AR-Drone".

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Student Bernhard hat ein selbstgemachtes Computerspiel mitgebracht. Das besondere am albtraumhaften "Night Mary" ist, dass die Levels des Jump'n'Run-Games generativ vom Computer erstellt werden, also bei jedem Spiel anders aussehen. Einen Algorithmus zu entwickeln, der auch wirklich immer lösbare Spielfelder erstellt, ist nicht ganz trivial. "Man geht vom Lösungsweg aus und berechnet dann den Rest des Levels", erklärt Bernhard.

Night Mary

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Mit der Idee, die Levels automatisch zu generieren, wollte der Interactive-Media-Student eigentlich Zeit beim Design des Spiels sparen. "Doch die Entwicklung eines solchen Algorithmus kostet letzlich genausoviel Zeit." Viel Liebe zum Detail - und etwa 1000 Euro an Materialkosten - steckt auch im dazugehörigen Arcade-Automaten-Design des Ausstellungsstückes.

Mit viel Aufwand beeindruckt auch das Projekt "Create Your Scene" der Kunstuniversität Linz: In einem Containerdorf können Kinder und Jugendliche in vier Stationen einen eigenen Mini-Film drehen. Das Bühnenbild wird zuerst gezeichnet, digitalisiert und für den Green-Room aufbereitet. In einem zweiten Schritt werden Kostüme entworfen, im dritten Schritt Techniken der Videoaufzeichnung und -übertragung gelernt. Am Schluss wird gedreht und geschnitten.

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  • The Big Picture: Die Ars Electronica 2012 fragt nach neuen weltpolitischen Konzepten. Der Überblick über alle FM4-Sendungen von der Ars Electronica.
  • Linzer Soundwände: Abends am Ars Electronica Festival mit DJ Kristian Davidek, der FM4 Wall of Sound und dem exquisiten Musikprogramm am Eröffnungstag.

Einige hundert Meter vom Ars Electronica Center entfernt, am anderen Donauufer, steht auch das Offene Kulturhaus wieder ganz im Zeichen der Ars: Die Ausstellungen "Cyber Arts" und "Sinnesrausch" laden ein zum Experimentieren, Spielen und Entspannen. Zu sehen gibt es etwa "Game Border", ein Videospiel, das mehrere Konsolen in historisch richtiger Reihenfolge miteinander verschaltet: Die Spielfigur muss vom Bildschirm eines Game & Watch (Tric-o-Tronic) zu einem Nintendo Entertainment System, via Game Boy, Sega Master System und vielen anderen Konsolen gelenkt werden. Die letzten Stationen sind die Wii und Xbox mit Kinect. Die Grenzen der Hardware werden gesprengt - über die Faszination, die von dieser und vielen anderen Games-Installationen der Ars Electronica ausgeht, wird Robert Glashüttner hier noch ausführlicher berichten.

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Fast hätte ich es übersehen, doch dann bin ich eine halbe Stunde hängengeblieben: bei den tollen Mondgänsen der deutschen Künstlerin Agnes Meyer-Brandis. Ausgehend von Francis Godwins Erzählung "The Man in the Moone" (1603), in der Gänse ein Mondgefährt ziehen, will die Künstlerin ihre Gänse auf die Mondfahrt vorbereiten. In einem Film sieht man, wie Meyer-Brandis elf Vögel großzieht (vom Ei weg) und mit ihnen das Fliegen übt. Sie gibt ihnen Astronautennamen und trainiert mit ihnen in einem Lebensraum, wie ihn auch Astronauten zum Training nutzen. Großartig.

Weltraumgänse

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Das Projekt ADM8 des französischen Künstlerkollektivs RYBN wirkt etwas unscheinbar: Zwei Screens an der Wand zeigen Börsentrends. Viel Papier zur Theorie des Trading liegt herum. Hinter der Installation steckt ein "Börsen-Bot" - ein Programm, das seit Monaten vollautomatisch an der Börse handelt - bis es pleite ist. Das Startkapital waren 10.000 US-Dollar - etwa 2600 Dollar hat der Bot in den ersten Monaten verloren. Der Quellcode des Programms ist offen, jeder kann ihn benützen oder weiterentwickeln.

Börsenbot

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"BITTE EINZELN EINTRETEN" heißt es auf einem Schild beim Eingang zum Projekt "Memopol-2". Denn hier werden personenbezogene Daten verarbeitet. Ich ignoriere das, trete ein und wundere mich: Die Menschen sind übereifrig dabei, ihre Reisedokumente oder Personalausweise auf einen Scanner zu legen:

Memopolis II

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Mehr zu Memopol-2 im Videoblog von der Ars Electronica

Nach einigen Minuten Star-Trek-artiger Geräusche stellt die unheimliche Maschine blubbernd und fiepsend auf einem geradezu gewaltigen, retrofuturistischen Display Informationen über den Inhaber des Dokuments zusammen.

Memopolis II

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Was da alles zusammenkommt, ist nicht weniger unheimlich als die Tatsache, wie viele Menschen sich artig anstellen, gehorsam den Pass zücken und nicht hinterfragen, was der Zweck der Sache ist. Mehr darüber gibt es am Freitag in der FM4 Homebase Spezial (19 bis 21h30) in einem ausführlichen Interview mit dem Erfinder des ganzen, Timo Toots aus Estland, zu hören.

Tipp: Wer schon in Linz vor Ort ist, kann am Freitag um 10 Uhr 30 die von Gerlinde Lang moderierte u19-Ceremony besuchen und die diesjährigen Gewinner/innen und ihre Projekte kennenlernen.

Neben den hier beschriebenen Werken gibt es Dutzende weitere Kunstprojekte und Installationen, und darüber hinaus Konzerte, Preisverleihungen, und vieles mehr: eine Neuauflage des 3D-Weltraum-Spektakels vom letzten Jahr ("Deep Space"), Konferenzen, die visualisierte Klangwolke, die Open Labs. Mehr dazu demnächst hier zum Lesen und Schauen, und selbstverständlich zu Hören auf FM4 in unseren Ars-Electronica-Sondersendungen, die wir live vom FM4-Studio vor Ort ausstrahlen. Wer bei uns aus Neugierde und/oder zum Abholen von Postern, Stickern, Schlecker und mehr vorbeikommen möchte, ist herzlich willkommen!

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