Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Das Drama der "verwaisten Werke" "

Musik, Film, Heiteres

Erich Möchel

Netzpolitik, Datenschutz - und Spaß am Gerät.

9. 6. 2012 - 17:34

Das Drama der "verwaisten Werke"

Eine EU-Richtlinie, die das digitale Veröffentlichen von historischen Film- und Tonaufnahmen, Fotos und Texten ermöglichen sollte, wird von den ACTA-Befürwortern in Brüssel gerade torpediert.

"Ein großer Wurf? Das ist nicht einmal ein Würfchen, sondern eine verpasste Chance, in den Archiven verschollene Filme, Fotografie und Literatur seit der Zwischenkriegszeit des vergangenen Jahrhunderts wieder zugänglich zu machen", sagte die Abgeordnete zum EU-Parlament Eva Lichtenberger (Grüne) auf Anfrage von ORF.at. Gemeint ist der Richtlinienentwurf zur Nutzung sogenannter "verwaister Werke", der seit Monaten auf dem Weg durch die Parlamentsausschüsse ist.

Am Mittwoch hatte eine "Trilog"-Runde zu diesem Thema getagt, am Abend wurde dann überraschend ein "Kompromiss" verkündet. Laut dem neuesten Entwurf, der ORF.at vorliegt, sind erst wieder so viele Einschränkungen in den Text eingeflossen, dass es mehr als fraglich ist, ob die Richtlinie auch in der Praxis dazu führt, Verlorenes wieder zugänglich zu machen.

Was in welchen Archiven liegt

Dabei kann es sich um alle möglichen Formen von "Werken" handeln, deren Rechtelage ungeklärt ist, weil ihre Urheber und/oder die anderen, daran Beteiligten nicht mehr eruierbar sind. Schallplatten, Tonbänder und Filmsequenzen, Fotos, Zeitungsartikel, seit Jahrzehnten vergriffene Bücher usw. die jederzeit digitalisiert und republiziert werden könnten, mussten bis jetzt allerdings in den Archiven bleiben.

Diese ungeheure Fülle an Material, das in Teilen von hohem geschichtlichen Interesse ist, kann aufgrund des herrschenden Copyright-Regimes auch nach Verstreichen eines halben Jahrhunderts und mehr nicht veröffentlicht werden. Und das, obwohl fast alle diese Werke längst aus den Vermarktungszyklen gefallen sind. Das Bild- und Tonmaterial lagert in filmhistorischen und anderen akademischen Instituten, Privatarchiven, Sammlungen, Bibliotheken. Einen sehr großen Anteil davon machen die Archive der öffentlich-rechtlichen Sender quer durch Europa aus.

Der überwiegende Teil ist noch analog - Filme, Magnetbänder aller möglicher Formate usw. - gespeichert, dessen Lebenszeit langsam abläuft.

Ein Drittel verwaiste Bücher

Um eine Ahnung vom Ausmaß dessen zu vermitteln, was binnen weniger Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit verschwinden wird, gibt eine Untersuchung der British Library. Von 140 repräsentativ ausgewählten Büchern aus allen Genres, die zwischen 1870 und 2010 erschienen sind, konnte bei 43 Prozent davon nicht mehr ermittelt werden, wer derzeit noch die Rechte daran hält. Auf den Gesamtbestand gerechnet bleiben immer noch ein Drittel aller Werke übrig, die Rechtefragen offen lassen.

Damit können sie auch nicht in digitaler Form veröffentlicht werden, ohne dabei Klagen zu riskieren. Dabei handelt es sich um Bücher, bei denen die Urheberschaft noch am einfachsten zu klären ist, da die wichtigsten Daten im Werk (Verlag, Erscheinungsort und- jahr) ja selbst enthalten sind. Bei Fotos, Film und Tonaufnahmen ist die Sache in der Regel ungleich schwieriger bis unmöglich.

Die BBC wiederum hatte vor Jahren versucht, Teile ihres Film- und Audioarchivs unter einer "Creative Commons"-Lizenz zur freien, nichtkommerziellen Nutzung digitalisiert ins Netz zu stellen. Das Vorhaben scheiterte exakt an der bestehenden Rechtelage.

"Partikularinteressen"

Um dem entgegenzuwirken, dass gerade in Zeiten der umfassenden Möglichkeiten zur digitalen Veröffentlichung immer mehr kulturell und zeitgeschichtlich hochinteressante Inhalte auf Nimmerwiedersehen in öffentlichen wie privaten Archiven verschwinden müssen, wurde diese Richtlinie auf den Weg gebracht.

Wenn die Urheber nach einer "sorgfältigen Suche" nicht aufzufinden sind, sollte das betreffende Werk republiziert werden können. "Die EU-Komission hat ursprünglich sogar dafür plädiert, diese Werke dann EU-weit als 'gemeinfrei' zu deklarieren", so Lichtenberger weiter, "doch daraufhin kamen wieder nicht nachvollziehbare Partikularinteressen ins Spiel."

Bekannte Akteure

Begleitet von heftigem Lobbying der Medien- und Interhaltungsindustrie wurden zahlreiche Änderungsanträge eingereicht. Verlangt wurde zum Beispiel, Verlage und sogar die Rechteverwerter an der Veröffentlichung zu beteiligen, also private Unternehmen, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie in irgendeinem Vertragsverhältnis zu den verschollenen Urhebern gestanden waren.

Federführend bei diesem Coup war wieder einmal die Abgeordenete Marielle Gallo (EVP/EPP), die vom sogenannten Telekompaket bis zu ACTA durch nachgerade extremistische Positionen gegenüber der Informationsfreiheit und dem Internet per se aufgefallen ist. Es ist im Wesentlichen derselbe Kreis von Abgeordneten, der das umstrittene Anti-Piraterieabkommen ACTA vorangetrieben hat.

Die Akteure des "ACTA-Clubs" - der natürlich nicht so heißt - in Kommission und Parlament versuchen bei jeder neuen Richtlinie, die das Internet betrifft, Passagen unterzubringen, die dazu führen sollen, dass Provider ihre Kunden überwachen und deren Internetzugänge auf Zuruf einer von den Rechtevertretern dominierten, neuen Rechtekontrollinstanz sperren müssen.

Das steht im aktuellen Text

Das flog zwar wieder hinaus, dafür kamen andere Auflagen hinein, die für Rechtsunsicherheit sorgen und in der Praxis erst wieder einer Veröffentlichung im Weg stehen werden. In Artikel zwei, Absatz eins, sind "verwaiste Werke" so definiert:

"Ein Werk oder Phonogramm wird dann als 'verwaistes Werk' betrachtet werden, wenn alle Rechteinhaber des Werks oder Phonogramms nicht identifiziert oder trotz sorgfältiger Suche nicht aufgefunden werden können." Der Knackpunkt dabei ist das Wort "alle", denn in der Praxis sieht das so aus.

Um in einer TV-Dokumentation verwaiste historische Bild- und Tonaufnahmen verwenden zu können, müssen nicht nur Herstellerfirma oder Regisseur "sorgfältig" gesucht werden, sondern auch alle anderen daran Beteiligten. Im Fall, dass weder Auftraggeber, Produzent oder Regisseur gefunden werden können, muss nach jedem einzelnen Darsteller gesucht werden. Falls auch Musik zu hören ist, zusätzlich nach dem Komponisten und den Vortragskünstlern.

Die Studie der British Library kommt für die Nachforschung zur Rechtslage auf etwa vier Stunden Arbeitszeit pro Buch. Allein für die Abklärung der Rechte bei 500.000 Büchern - "ein Tropfen im Ozean" im Vergleich zum tatsächlichen Bestand - kommen die britischen Bibliothekare auf 1.000 Personenjahre. Man plädiert daher für den Ausbau einer EU-weiten Online-Datenbank.

Ein Beispiel aus der Praxis

Hier geht es so gut wie nie um Werke vom Kaliber kommerzieller Spielfilme, sondern um Filmaufnahmen von teils bekannten, teils unbekannten Urhebern, die wiederum andere bekannte und unbekannte Rechteinhaber abgebildet haben.

Eine unbekannte Privatperson hat Anfang der 60er eine gemischte Runde abgefilmt und in eine zehnminütige Sequenz zusammengeschnitten. Ein längst verstorbener, prominenter Schauspieler und ein paar unbekannte Künstler sind darauf zu sehen, im Hintergrund spielt jemand am Piano, der aber nie ins Bild kommt.

Mehrmals fällt diese Runde bei den Liedrefrains mit ein, dann macht sich jemand über einen inzwischen in Vergessenheit geratenen Heimatdichter lustig, indem er ein Gedicht desselben mit russichem Akzent rezitiert. Eine Sequenz zeigt im Hintergrund auch einen Schwarzweißfernseher, auf dem 30 Sekunden lang Karl Valentin zu sehen ist.

Abmahnung von Karl Valentin

Für einen Dokumentarfilmer, der diese authentischen Einblicke in Alltag und Lebensumstände von - sagen wir - Attila Hörbiger - verwenden möchte, ist damit der Copyright-Albtraum komplett.

Die unbekannten Personen neben Hörbiger müssen ebenso identifiziert werden, wie die Komponisten der gesungenen Lieder. Nicht zu vergessen der Heimatdichter und Karl Valentin, dessen Enkelin kürzlich erst durch eine Abmahnaktion bei privaten Nutzern aufgefallen ist.

Die Anwälte der Nachlassverwalter wollen nach eigenen Angaben, dass für das Verwenden eines der surrealen Aphorismen des Münchener Komikers Nutzungslizenzen gelöst werden. Man könne sich eine Jahreslizenz von 250 Euro für die Nutzung eines Sinnspruchs vorstellen, hieß es seitens der Anwälte gegenüber dem Westdeutschen Rundfunk.

Für ein aus insgesamt zwölf Wörtern bestehendes Zitat Karl Valentins auf einem Blog wurde der Eigentümer von einem Anwaltsbüro abgemahnt, das Valentins Nachlass verwaltet. Gefordert wurden 890 Euro.

Wie es weiter geht

Ob der im Trilog erreichte "Kompromiss" zu den "verwaisten Werken" bei diesem Wortlaut bleibt, ist noch nicht ganz sicher. Der Richtlinienentwurf muss noch einmal durch die damit befassten Ausschüsse und dann vom Plenum abgesegnet werden.

Was die Abgeordnete Lichtenberger, die sich seit Jahren für eine entsprechende Regelung von "verwaisten Werken" einsetzt, unter "Partikularinteressen" subsummiert hat, ist folgender Sachverhalt. Die Medien- und Unterhaltungsindustrie hat sich bis jetzt noch jedem größeren Versuch entgegen gestemmt, dass audiovisuelle Inhalte aus Archiven im Netz öffentlich zugänglich zu werden, auch wenn diese Inhalte unter einem gesetzlichen Auftrag und völlig rechtskonform produziert und sogar mit öffentlichem Geld bezahlt wurden. Gemeint sind die riesigen Archive der Öffentlich-Rechtlichen von der BBC, ARD, ZDF bis hin zum ORF.

Haftungsausschluss

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

Zum Eingabeformular Kommentieren

  • biased | vor 1779 Tagen, 10 Stunden, 27 Minuten

    Off Topic: Wir jammern hier auf hohem Niveau

    Hossein Ronaghi Maleki, ein iranischer IT Experte, der Software entwickelte mit der sich die Zensur der iranischen Netzüberwachung umgehen ließ, wurde vor kurzem verhaftet und zu 15 Jahren Haft verurteilt.
    Der Mann ist ein Held, ermöglichte seine Entwicklung doch, dass wir Bilder und Footage von der brutalen Niederschlagung der Demokratiebewegung im Iran erhalten konnten.

    Es lebe die Freiheit! Nieder mit der Diktatur!

    http://www.guardian.co.uk/world/iran-blog/2012/jun/06/iran-blogger-hossein-ronaghi-maleki-hunger-strike

    Auf dieses Posting antworten
  • maxitb | vor 1779 Tagen, 17 Stunden, 20 Minuten

    Brokering bringt niemand was

    Meiner Meinung ist die ganze Patent- oder Urheberrechtssituation mittlerweile absurd und hat nichts mehr mit den Ursprungsgedanken gemein.

    Mal ehrlich, ein Patent sollte an eine reale Person gebunden sein und sobald diese gestorben sollte es unübertragbar erlischen.

    Schließlich ist es ein Schutz, daß diese Person die Früchte seiner Arbeit geniesen kann - aber in der Praxis ist es so, daß es Unternehmen gibt welche Patente aufkaufen und horten nur um gewinnbringend andere zu klagen. Davon hat am Ende niemand was, weil es Innovation behindert anstatt zu fördern.

    Leider ist diese Praxis aber seit 100 Jahren ein sehr gewinnbringendes Geschäft geworden; Medikamente können nicht billig produziert werden, weil eine andere das Patent hat und es aus irgendeinen Grund nicht verwendet (weil es nicht gewinnbringend genug wäre) während Leute sterben. In der Musik werden Künstler in Verträge geknechtet und werden mit Pennies abgespeißt, während andere wenige sich dumm und dämlich mit ihrer Arbeit verdienen. In der Softwareentwicklung können nicht gleichwertig oder sogar bessere Produkte angeboten werden, weil sie (obwohl neuentwickelt) einen ähnlichen Zweck erfüllen.

    Kurz um, derzeit ist dieses System ein großes Geschäft für wenige und alle anderen sind die Dummen. Leider bedeutet großes Geschäft die...

    Auf dieses Posting antworten
    • maxitb | vor 1779 Tagen, 17 Stunden, 16 Minuten

      Macht genug Politiker in der Kneipe zu "überzeugen", daß alle die nicht mitmachen wollen Kriminelle sind und die Gesellschaft ruinieren. Dadurch werden wir wohl in einem Strudel gefangen bleiben, da Gesetze in der Praxis heute praktisch gekauft und nicht mehr von der Mehrheit gewählt werden.

    • maxitb | vor 1779 Tagen, 17 Stunden, 13 Minuten

      Und so nebenbei ...

      Ich hab einen orf.on feature request:
      Bitte die Textbox mit JavaScript auf das Textlimit begrenzen ;-).

  • 0ttod0 | vor 1779 Tagen, 22 Stunden, 5 Minuten

    Prinzip Missgunst

    Das ist wieder so ein Fall, wo der Rechteinhaber, so es ihn überhaupt noch gibt, überhaupt keinen Nutzen daraus zieht, dass sein Werk nicht verbreitet wird. Aber anscheinend ist es für manche Leute besser, wenn niemand das Werk sieht oder hört, als wenn es jemand sieht aber (ohne böse Absicht) nichts dafür zahlt.

    Auf dieses Posting antworten
    • springen | vor 1779 Tagen, 20 Stunden, 49 Minuten

      ich würde das nicht "missgunst" nennen

      sondern "geschäftsmodell". für die verwertungsindustrie ist es existenziell, dass kulturgüter zunächst mal als handelsware definiert werden, denn damit verdienen sie ihr geld. da geht es nicht um den direkten nutzen, sondern um den indirekten. denn wenn bei kulturgütern der immaterielle (gemein)wert im vordergrund steht, dann könnte ja auch irgendwer draufkommen, dass der höher zu bewerten ist, als die geschäftsinteressen dieser industrie. deswegen achten sie mit allen mitteln darauf, dass der handelswert als sacrosankt gesehen wird, und der gemeinwert erst dann zum tragen kommt, wenn der handelswert erwiesenermaßen null ist.

  • unami | vor 1779 Tagen, 22 Stunden, 26 Minuten

    absolut - als schaffender künstler ist die rechtesituation bei "verwaisten werken" momentan fürchterlich. und auch eine öffnung z.b. des orf-archivs wäre extrem begrüßenswert - aber nicht in form eines unkopierbaren streams sondern als rechtefreie downloads. aber dafür fehlt es natürlich am willen der beteiligten ("was hat der orf davon ?"), zumindest die sachen, wo der orf alle rechte besitzt, freizugeben, und für ein wirklich vollständiges archiv fehlen dann auch die gesetzlichen voraussetzungen (der im artikel beschriebene rechte-albtraum). zumindest sowas wie ein "public domain", wie in den USA wär' mal ein anfang.

    gibt's zum aktuellen anlass sowas wie eine bewegung (analog zu ACTA), oder bleibt die piratenpartei da als einzige hoffnung?

    Auf dieses Posting antworten
    • tantejutta | vor 1779 Tagen, 7 Stunden, 6 Minuten

      Am Willen fehlts in diesem Fall nicht

      sondern an der gesetzlichen Grundlage. LOaut der letzten Novelle des ORF-Gesetzes darf dieses Haus keine Archive im Internet bereitstellen. Das isr auch der Grund, warum die TV-Thek die aktuellen Beitröäge nach einer Woche vom Netz nehmen _muss_.

    • unami | vor 1779 Tagen, 6 Stunden, 3 Minuten

      oha, das hab' ich nicht gewusst. dachte z.b., dass das tvthek-limit eher durch nicht ausverhandelten internet-rechte z.b. in der ebu bedingt ist.
      geht deswegen auch bei der für letzten sommer versprochenen radiothek nix weiter? weil's eh "für die fisch" ist?

      da sieht man wieder, wie absurd das aktuelle orf-gesetz ist - imho noch ein viel besserer grund zur beanstandung als das verbot der präsenz auf fatzkebook.

    • tantejutta | vor 1779 Tagen, 1 Stunde, 25 Minuten

      LOL "fatzkebook"

      So ist es. Dass grad deswegen so 1 Theater stattfindet, mutet schon etwas absurd an. Von der Zensur redet keiner. Die gesetzliche Vorschrift für ein Medium, dass zu den weitaus meisten Artikeln keine Diskussionen onsite stattfinden dürfen, ist eine Raubkopie aus China. Dem Channel allhier wurde nach Prüfung durch die Regulationsbehörde dann doch genehmigt, ebenfalls seit Jahren bestehende Foren weiterzuführen..Ursprünglich hatte es sogar geheißen, dass Technikberichterstattung für den ORF online verboten wird, wenns nicht vorher im Radio oder TV gelaufen ist., also "sendungsbegleitend" ist...