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Barbara Köppel

Durch den Dschungel auf die Bühne des Lebens.

31. 5. 2012 - 08:00

Überalterte Teenager

Bobo-Tristesse in Berlin, Drogentrips auf Tiroler Almen und Selbstfindung im ÖBB-Nachtzug: Oh nein! Nicht schon wieder so ein Roadtrip-Coming-of-Age-Roman! Oder doch? Elisabeth R. Hagers Debüt "Kometen" wandelt zwischen Pop, Poetry und Crap.

Bubi ist die typische Protagonistin einer Generation, die alle Möglichkeiten hat, aber nicht weiß, was sie will. Gleich nach der Matura sucht die Tirolerin ihr Glück in Berlin Kreuzberg - wo sonst? - und findet nach ein paar wilden Jahren in der linken Szene doch nur einen Freund, den sie irgendwann nicht mehr begehrt und einen unterbezahlten Job, der sie depressiv macht. Sie schreibt medizinische Ratgeber für Krebskranke.

Elisabeth Hager, Autorin

Uwe Schwarze

Elisabeth R. Hager, Jahrgang 1981, ist in St. Johann in Tirol aufgewachsen, und lebt seit Jahren in Berlin. Dort schreibt sie zurzeit an ihrer Dissertation in Neuerer Deutscher Literatur, und arbeitet als Regieassistentin an Off-Theatern oder für Radioproduktionen. Sie bloggt und veranstaltet regelmäßig eine intermediale Lese- Performance- und Musikreihe.

Dann begegnet sie Hans, verbringt mit ihm eine Nacht, wollte "einfach mal wieder was Aufregendes erleben" und findet sich high und nach fremdem Bett riechend auf dem Gehsteig wieder. "Bubi war sechsundzwanzig. Ein überalterter Teenager, einfach liegen geblieben nach der Abschlussfeier."

Rebellenattitüde vs. gemäßigter Lebensstil

Von hier aus schickt Elisabeth R. Hager ihre Hauptfigur auf einen Weg der Läuterung, der sie über ihr altes Kinderzimmer und einen Drogentrip auf einer einsamen Alm bis nach Rom, auf die Suche nach ihrem leiblichen Vater führt. Im Laufe dieser Identitätskrise schüttelt sie ihre jahrelang kultivierte Trotzhaltung mit irritierender Leichtigkeit ab und gewinnt für sie völlig neue Erkenntnisse.

Mit wie viel Blindheit musste man geschlagen sein, die selbst aufoktroyierte, nicht weiter hinterfragte Opposition als Freiheit zu begreifen? Bubi was over it. Statt ihre Wurzeln blindwütig abzuhacken, suchte sie jetzt danach. Endlich.

Obendrein soll dann noch eine Schwangerschaft Bubis selbstzerstörerische Rebellenattitüde endgültig mit einem gemäßigten Lebensstil versöhnen.

Nur einer will sie immer wieder vom rechten Pfad abbringen: Hans. Hans, der ihr die Drogen in den Drink gemischt hat. Hans, den sie verabscheut, aber nicht vergessen kann - ein moderner Mephisto, der personifizierte schlechte Einfluss mit einer Anziehungskraft, der kaum zu widerstehen ist:

Hans trat erneut ganz nah an sie heran und presste sich an sie. Dann begann er langsam seine Hüften an den ihren zu bewegen. Bubi spürte die Berührung seiner Oberschenkel, seines Beckens, und wieder war es um sie geschehen. Sie fügte sich in diesen Tanz wie eine Marionette. Alles Übel, das von ihm ausging, war vergessen. Dieser Mann war doch über die Maßen zuvorkommend und noch dazu hübsch! Sie schmiegte sich an ihn, rieb ihr Gesicht an seinem fleckigen Make-up und war selig.

Dialoge à la Dawson's Creek

Subtil ist etwas anderes. Die Autorin malt Bubis Zerrissenheit leider allzu schwarz-weiß. Vor dem Hintergrund der wenig originellen Story versteigt sie sich mitunter sogar in existentialistische Phrasendrescherei oder lässt ihre Figuren neunmalkluge Dialoge à la "Dawson’s Creek" aufsagen:

Buchcover "Kometen" von Elisabeth R. Hager

Milena Verlag

"Kometen" ist im Milena Verlag erschienen.

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es für mich ein Weg sein kann, mich zur Altruistin zu erklären und die Außenwelt für korrumpiert und verdorben. Die Welt ist viel komplexer. Ich glaube auch nicht, dass es immer reaktionär ist, die eigenen Bedürfnisse mitzudenken.

Altruismus ist eine Erfindung der herrschenden im Sozialbereich tätigen Kaste zur Zementierung ihrer moralischen Überlegenheit. Jede noch so fragwürdige Sozialarbeiterin verklärt ihre Berufslaufbahn doch heutzutage zur Heiligenlegende!

Da muss man beim Lesen oft den Kopf schütteln. "Kometen" ist das Teenie-Drama einer Mittzwanzigerin, die sich in ihrer Sinnkrise ein bisschen zu ernst nimmt. Unterhaltsam ist der Roman aber allemal. Man kann sich in Hagers Sprache suhlen, wie man es damals im eigenen Selbstmitleid getan hat.

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