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Erich Möchel

Netzpolitik, Datenschutz - und Spaß am Gerät.

15. 2. 2012 - 18:30

Technische Hilfe für Nahost-Diktaturen

Während in Bahrain wieder für Demokratie demonstriert wird, werden in Dubai die Spezialeinheiten der Gewaltregimes rundum von europäischen Firmen mit Überwachungstechnik aufgerüstet und trainiert.

Am 14. Februar 2011 waren die ersten Truppenkontingente aus Saudi-Arabien in Bahrain eingetroffen, die das Ihre dazu beitragen sollten, die Proteste gegen das absolutistisch regierende Herrscherhaus al Sabah gewaltsam niederzuschlagen. Am 15. kamen dann erst Tränengas und Blendgranaten zum Einsatz, dann wurde mit scharfer Munition auf unbewaffnete Demonstranten geschossen und der besetzte Perlenplatz in der Hauptstadt Manama geräumt.

Ein Jahr nach dem blutigen Valentinstag auf dem Perlenplatz haben Anonymous-Aktivisten die Websites des Herrscherhauses und der Regierung angegriffen. Ebenso attackiert wurden amerikanische Erzeuger von Tränengasgranaten und Überwachungsequipment, die angeblich in Bahrain zum Einsatz kommen.

Tränengas online

Laut den "Bekennerschreiben" hatte man die Sites bereits seit längerem unter Kontrolle. Nun sei man hinter jenen Kunden her, die dort online Tränengas und anderes bestellt hätten, hieß es in dem Anonymous-Schreiben, das wie üblich im sozialen Netzwerk Pastebin.com abgelegt wurde.

In Syrien geht derweil das Morden weiter während das Assad-Regime zum wiederholten Male Reformen hier und Demokratie dort verspricht. Die Gegner werden wiedereinmal als Terroristen denunziert

Im benachbarten Dubai trainieren derweil die Techniker und Instrukteure vor allem von europäischen Firmen wieder Polizei, Geheimdienste und Militärs der Region darin, wie man Regimegegner online identifiziert und aus sozialen Netzwerken fischt.

Soziale Netzwerke

In Dubai ist am Montag wieder die jährliche Überwachungsmesse ISS World MEA angelaufen, Business as usual, sozusagen. Den Konferenztrack zu "Social Networks", die diesmal im Zentzrum des Programmes stehen, eröffnet IBM - einer der wenigen großen Namen auf der Referentenliste - dann kommen die "üblichen Verdächtigen" zum Zug.

Wie Bloomberg aktuell berichtet, ist in Syrien bisher nicht bekanntes Überwachungsgerät zum Vorschein gekommen. Die Syrer benutzen ein Produkt namens "SMS defence" der irischen Firmen Cellusys benutzt um SMS mit unerwünschten Texten zu blockieren. E$igentlicher Zweck dieser FRirewall wäre es, Spam zu blocken und SMS Abzocke zu verhindern.

Ein Produktmanager der Münchener Firma Trovicor trägt über "Social Network Monitoring and Analysis" vor und "wie man neue Einsichten gewinnt".

"Effiziente Massenüberrwachung"

Die ebenfalls deutsche ATIS Systems schult Interessierte in der "Forensik von Web-2.0-Applikationen". Beiden Vorträgen ist gemein, dass sie auf der ohnehin unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindenden ISS zusätzlich beschränkt sind: "Nur für Strafverfolger und Geheimdienst-Analysten" ("Law Enforcement and Intelligence Analysts"). Und noch etwas haben sie gemeinsam: Die Agenda nennt ihre Namen nicht.

Was da genau seit Montag trainiert wird, beschreibt der Titel des Vortrags von Simone Benvenuti wohl am besten: "Erforschung von Mobilen IP-Netzwerken: ein effizienter Ansatz zur Massenüberwachung des Web". Dieses Knowhow wird den Trainees - Polizei, Militärs und Geheimdienstleuten - aus den Diktaturen, absolutistischen Monarchien und sonstigen Gewaltherrschaften des Nahen und Ostens und Afrika vermittelt.

Die Produktpräsentationen der meisten im Artikel erwähnten europäischen Firmen wurden Anfang Dezember in WikiLeaks veröffentlicht und sind dort en Detail nachzulesen.

Ein Sortiment IMSI-Catcher

Das Hauptquartier dieses laut Selbstbeschreibung "führenden Unternehmens im Überwachungsmarkt" RCS s.A ist in Italien, mit Niederlassungen in Spanien und Frankreich. Aus der benachbarten Schweiz kommt einer der Sponsoren der Überwachungsshow zu Dubai, der schon im Vorfeld für etwas Wirbel gesorgt hat.

Die Firma Neosoft hält in Dubai ein umfassendes Sortiment der verschiedensten IMSI-Catcher feil. Die IMSI ist die "International Mobile Subscriber Identity", eine eindeutige Kennung für jeden Handybenutzer. Diese tragbaren oder in Fahrzeuge verbauten Geräte funktionieren folgendermaßen, notwendigerweise verkürzt dargestellt.

Wie IMSI-Catcher funktionieren

Sie simulieren eine GSM-Basisstation, ziehen alle Handys aus der Umgebung an sich, und identifizieren das Zielhandy anhand seiner IMSI-Kennung.

Die in einer Nacht- und Nebelaktion verabschiedete Novelle zum Sicherheitspolizeigesetz von 2007 sah unter anderem die Ansschaffung von "IMSI-Catchern" zur Auffindung "verirrter Wanderer" für Österreichs Polizeibehörden vor.

Dann schaltet der Catcher erst einmal die Verschlüsselung ab, schleift andere Handys durch zur nächsten Basisstation und schneidet bestimmte Telefonate mit. Andere Varianten des Geräts werden bei polizeilichen Zugriffen zur operativen Peilung eingesetzt, denn Kreuzpeilungen über die Masten sind zwar möglich, dauern aber zu lange und sind nicht genau genug.

Verirrte Tourengeher

Das angepeilte Handy wird dann veranlasst, ständig mit voller Leistung zu senden, dann erfolgt der Zugriff.
Die Firmas NeoSoft ist einer der Sponsoren der ISS World Middle East Africa und nach eigener Beschreibung auf "auf Opfersuche und Bergung bei Terrorangriffen und Naturkatastrophen" spezialisiert.

Sämtliche Trainings der ISS World MEA die am Mittwoch Abend mit einem geselligen Beisammensein zu Ende geht.

Wir erinnern uns: Nach der vorletzten Novelle des Sicherheitspolizeigesetzes 2007 wurden auch in Österreich derartige Geräte angeschafft, um "verirrte Tourengeher" orten zu können. Von spektakulären Rettungen in Not geratener Bergsteiger durch IMSI-Catcher hat man seitdem allerdings nichts gehört.

Am Beispiel Iran

Die Münchener trovicor hat nach dem Skandal im Iran von Nokia-Siemens die gesamte Überwachungssparte übernommen. Diese Monitoring Centers" für Telefonienetze wurden nachweislich dafür eingesetzt, die iranische Demokratiebewegung niederzuschlagen.

Im Jahr 2009 erfuhren dann mehrere FuZo-Berichte aus dem Jahr 2008 über den Export von "Monitoring Centers" der Firma Siemens in den Iran eine offizielle Bestätigung.

Nimmt man allein diese beiden Zugänge - Massenüberwachung sozialer Netzwerke ѕowie der Mobiltelefonie - so hat man bereits die meisten der im arabischen Frühling an den Tag gekommenen Repressionsmaßnahmen vor sich. In Tunesien wie in allen anderen Staaten hatten die Regimes ihre Bürger genau damit drangsaliert.

Erst wurden sie meist über Facebook ausgeforscht, dann bedroht, verhaftet und mit den eigenen Telefon- und Bewegungsprotokollen konfrontiert.

Trojaner gegen Demokratie

In Tunesien und anderen Ländern wurden zudem die PCs von Regimegegnern angegriffen und mit Schadsoftware (Exploits, Trojanern) verseucht. Diese Methode wendet China seit Jahren nachweislich und regelmäßig vor allem gegen Dissidentengruppen von Exiltibetern und anderen Regimegegnern an.

Und derlei Schadsoftware bietet denn auch ein anderer ISS-Sponsor an, nämlich die französische Firma Vupen. Die deutsche DigiTask, deren "Staatstrojaner"
vom Chaos Computer Club analysiert und veröffentlicht wurde, fehlt heuer.

Die Besitzer der Schweizer NeoSoft AG sind drei russische Staatsangehörige. Die auf Massenüberwchung des Web spezialisierte italienische RCS ist im sozialen Netzwerk LinkedIn recht übersichtlich abgebildet.

Huwaei und ZTE

Auch die langjährigen Aussteller Ericsson und Nokia Siemens sind in Dubai nicht dabei, ihren Platz nehmen in Dubai die chinesischen Telekom-Netzwerkausrüster Huawei und ZTE Telecom ein.

Ob die Nahost-Ausgabe der weltweiten Überwachermesse ISS auch in diesem Jahr gehackt wurde, wird sich in den kommenden Tagen weisen. Während der letzten beiden Jahre war es Aktivisten und Journalisten ja gelungen, die Messe unerkannt zu besuchen. Die spektakuläre Veröffentlichung der "Spyfiles" durch WikiLeaks war eines der Resultate davon.

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  • cyana | vor 1954 Tagen, 14 Stunden, 1 Minute

    Bitte liebe Tourengeher

    verirrts euch ein bisserl mehr. Jetzt haben wir endlich die Infrastruktur, euch zu finden. Und damit uns zwischenzeitlich nicht fad wird, suchen wir nach Tierschützern und renitente Väter, die Entscheidungen der Pflegschaftsbehörde hinterfragen. Und noch tausende weitere Fälle, aber das braucht ihr nicht zu wissen.

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  • johnleehookerelectro | vor 1957 Tagen, 14 Stunden, 11 Minuten

    d.h.also wenn der nächste james bond oder bourne legacy special-intelligence film mehr specialforces und handkant-action bringt statt hacker-skills am laptop auf ner versifften matratze..wär das wohl nichtmehr so uptodate.

    die hauptfrage is wohl wieviel geld diese ominösen securitie firmen für ihre research!ihre neuen designs ausgeben(IBM is hardware technisch in zukunft wohl vorne dabei)..ob die ISS irgendwann technisch arnonymus undco konstant überlegen is??

    hauptsache dieses special-hacker-platoons der USarmy und navy sind bei ACTA undco halbwegs neutral(oder auch nicht?).die sollen ja ziemlich ontop sein was das durchbrechen oder errichten von sicherheitssperren angeht,und werden in zukunft teils kleiner dafür noch spezialisierter
    http://www.army.mil/article/70991/CIO_aims_to_consolidate__close_185_data_centers_by_FY14/

    aber die werden wohl nur auf die securitie ihrer eigenen militär-netzwerke schaun..und haben anscheinend e mehr mit ihren sinnlosen army gesetzen in socialmedia undco zu kämpfen..und haben wohl nix mit ISS undco zu tun.hoffentlich!..also gegen die hätte arnonymus undco eine harte nuss zu knacken
    http://en.wikipedia.org/wiki/9th_Army_Signal_Command_%28United_States%29

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    • johnleehookerelectro | vor 1957 Tagen, 14 Stunden, 5 Minuten

      http://en.wikipedia.org/wiki/U.S._Army_Cyber_Command
      ich mein da sitzen sheldon NERDS..hardcore-NERDS in boots mit disziplin und keinem leben..
      gott steh uns bei die sind auf ACTAS seite

    • johnleehookerelectro | vor 1957 Tagen, 14 Stunden, 5 Minuten

      gegen ACTA natürlich

    • johnleehookerelectro | vor 1957 Tagen, 13 Stunden, 52 Minuten

      auch wenn das meiste über fade paragraphen bzw über der justiz entschieden wird, schon klar..aber die grauzonen der gesetzeslücken(die immer kommen)werden sowas unkämpft und nicht unwichtig

  • sauvage | vor 1958 Tagen, 15 Stunden, 33 Minuten

    Ich mag nimmer. Ich konnte deinen Artikel nicht fertiglesen, das letzte Viertel fehlt mir. Sämtliche Nachrichten heute, die mich angeflogen sind - die Reaktion des Vatikans auf veröffentlichte interne Dokumente, die Kontinuität der Methoden in Libyen, ACTA - mir geht die Menschheit heute so dermaßen am Orsch, auf gut Wienerisch! Dass ich mich grad ein bisschen mit dem russisch-afghanischen Krieg in den Achtzigern beschäftige, lektürebedingt, macht das jetzt a net besser.

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    • tantejutta | vor 1958 Tagen, 13 Stunden, 43 Minuten

      Es geht halt alles recht langsam

      denn die Gegenseite verfügt über die Macht und das Gold. Wir aber haben das Wort, die Vernunft und die Freiheit, nicht lügen zu müssen. Sie müssen Alliierte kaufen, zu uns kommen Alliierte von selbst. Wahrlich, Euch sag ichs nach all dern Jahren: Betrachtet nun den Sturzflug von ACTA und er soll zu Euer Wohlgefallen sein!

    • sauvage | vor 1958 Tagen, 11 Stunden, 45 Minuten

      Ich glaub da eh normalerweise auch dran. Aber manchmal hat man halt diese dunkleren Tage in der Wahrnehmung, nicht wahr.

    • rainersigl | vor 1957 Tagen, 13 Stunden, 46 Minuten

      optimismus ist lebensnotwendig. danke für deine schöne zusammenfassung im kommentar, erich. and remember: you can't take the piss out of the pool. alles strebt der entropie zu, das werden die kontrollnazis noch einsehen müssen.