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Barbara Köppel

Durch den Dschungel auf die Bühne des Lebens.

14. 11. 2011 - 12:37

Hartz IV Möbel

Le Van Bo wollte eigentlich nur einen Sessel für seine Verlobte bauen. Inzwischen hat er eine komplette Möbelserie zum Selbermachen entwickelt. Arbeitslose und D.I.Y.-Fans bauen seine Entwürfe nach.

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Der Berliner Architekt Le Van Bo behauptet von sich selbst zwei linke Hände zu haben, und den Unterschied zwischen Pressspanplatten und Massivholz kennt er auch erst seit Kurzem. Dass er trotzdem zu einem gefragten D.I.Y.-Vorreiter geworden ist, verdankt er einem Wochenendkurs an der Volkshochschule.

Seine Verlobte sollte von ihm einen selbstgebauten Sessel bekommen, also bucht Van Bo einmal "Tischlern für Anfänger", kauft im Baumarkt ein Brett um 24 Euro, und zimmert innerhalb von drei Tagen sein erstes Möbel: den 24 Euro Chair.

Gerüst 24 Euro Chair

Le Van Bo - http://www.hartzivmoebel.de/

Viele von Le Van Bos Möbel sind vom deutschen Bauhaus-Stil inspiriert. Der 24 Euro Chair rekurriert auf Ludwig Mies van der Rohes Barcelona Sessel.

Kostenlose Baupläne

1. Teil des Bauplans von Le Van Bos Berliner Hocker

Le Van Bo - http://www.hartzivmoebel.de/

Die Baupläne der Hartz IV Möbelserie kann man auf hartzivmoebel.de anfordern.

Den selbstgezeichneten Bauplan stellt Van Bo auf seine Website, mit der Zeit folgen weitere Entwürfe für das SiWO Bettsofa, den Beta Block Kasten, oder den Berliner Hocker, der in mehrfacher Ausführung zu einem Regal zusammengesetzt werden kann.

Sein laienhafter Zugang und ein gewisses Talent zur Eigen-PR verhelfen dem Hobbybastler bald zu einer nicht unbeträchtlichen Fangemeinde. Mehr als 2000 Menschen haben die Hartz IV Möbel schon nachgebaut.

Interessierte können sich die Anleitungen kostenlos aus dem Internet downloaden. Als einzige Gegenleistung wünscht sich Van Bo Fotos der Projekte oder die dazugehörigen Geschichten. Bei jeder Bestellung ist daher ein kurzer Fragenkatalog auszufüllen. "Bezahlt wird mit Offenheit", sagt der 34-Jährige dazu, "nicht mit Euro".

Schöne Möbel für alle

Von Donnerstag bis Samstag gibt es in der Morningshow die Anleitung für den Berliner Hocker zum Nachbauen.

Die Hartz IV Möbelkollektion versteht sich nicht bloß als Designprojekt, sondern vermittelt auch ein gesellschaftliches Anliegen. Wohnverhältnisse spiegeln seit jeher soziale Positionierungen wider. Die mächtige Ledercouch im Wohnzimmer ist genauso ein Statussymbol wie der neue Mercedes in der Garage.

Le Van Bo, der als Kind mit der ersten Welle der Boat People aus Laos nach Deutschland gekommen ist, versucht daher die Chancen auf Lebensqualität von finanziellen Einschränkungen zu lösen, und beweist, dass handwerkliche Fertigkeiten tatsächlich enorme Unabhängigkeit bedeuten. "Ich wollte zeigen, dass man auch mit wenig Geld ein hochwertiges und schönes Möbelstück bauen kann."

Das Label Hartz IV ist für diese Botschaft die perfekte Marketingstrategie. Wer nach der Sozialhilfe googelt, findet die Selbstbau-Möbel, und laut Van Bos Angaben ist etwa ein Viertel der Hartz-IV-Möbelbauer wirklich arbeitslos.

Konstruieren statt Konsumieren

Wirtschaftliche Not ist natürlich nicht das einzige Motiv, weshalb immer mehr Menschen zu Hammer und Akkuschrauber greifen. D.I.Y. ist in den letzten Jahren zu einem Zeitgeistphänomen geworden, das zusätzlich ökologische und handelspolitische Fragen stellt. "Ich glaube, die einzige Möglichkeit, um wirklich ein sauberes Produkt zu haben, von dem man genau weiß, dass es ohne Kinderarbeit entstanden ist, und für das niemand auf einen miesen Abzockerlohn runtergehandelt wurde, ist es selbst zu bauen.", bringt es Le Van Bo auf den Punkt.

Nur so könne man zudem sicherstellen, dass auch das verwendete Material keine oder möglichst geringe Umweltschäden verursacht. Im Konkreten empfiehlt der Architekt nur Holz mit FSC-Zertifikat (Forest Stewardship Council), sprich aus nachhaltiger Forstwirtschaft, zu kaufen, oder noch besser, alte Gegenstände zu recyclen.

Hartz IV Wohnung und Hartz IV Haus

Le Van Bo in einem Entwurf seiner Hartz IV Wohnung

Daniela Kleint

Le Van Bo in einem Entwurf seiner Hartz IV Wohnung.

Im Juni hat Le Van Bo bei der Open Design Messe in Berlin eine komplette Wohnungseinrichtung zum Selberbauen präsentiert. Sein Hartz IV Appartment ist 21 Quadratmeter groß, kostet 1400 Euro an Material und 14 Tage Zeit. Das ist zwar nicht unaufwändig, aber machbar, und bis auf Küche und Badezimmer findet sich auf der kleinen Fläche alles, was der Mensch zum Leben so braucht.

Als nächstes steht nun das Hartz IV Haus auf Van Bos To-Do-Liste. Wie alle anderen seiner Entwürfe soll es sich durch eine simple Bauweise, Funktionalität und klare Linien auszeichnen, und als kompakte Einheit auch in einem Schrebergarten Platz finden. Wer also Lust auf ein Projekt in seinem Garten hätte, könnte sich mit Le Van Bo in Verbindung setzen. Er ist noch auf der Suche nach einem Grundstück.

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