Erstellt am: 12. 8. 2011 - 16:54 Uhr
CCC-Camp: Frühstück vom Palatschinken-Bot
Dahinter liegt nicht etwa die Mongolei, sondern Leiwandville: Eine Telefonzelle der österreichischen Post und Telegraphenverwaltung markiert den Eingang in diese mehrheitlich von Wiener Hackern bewohnte Zeltstadt. Es sind geschätzte 80 Leute, die hinter einem bombensicheren Flugzeughangar wohnen, der mit der Aufschrift "Baikonur" benannt wurde. Davor stehen ausgemusterte Hubschrauber und von der Sowjetarmee zurückgelassene MIGs und Tupolews, manchmal hebt auch historisches Fluggerät von der nahen Rollbahn ab.
Wie auf dem gesamten Camp dreht sich alles irgendwie um Kommunikation. Schließlich heißt die Veranstaltung ja Chaos Communications Camp und in Leiwandville ist das nicht zu übersehen. Dass die Telefonzelle ein Internettelefon enthält, ist naheliegend, was der riesige Antennenpark dahinter zu bedeuten hat, schon weniger.
Funken mit dem Mond
Bilder frisch vom Camp:
Sie stehen im benachbarten Hamville, das ebenfalls vorwiegend von Österreichern besiedelt ist. Die Funker der Chaoswelle des CCC haben eine große Kurzwellen-Richtantenne aufgestellt. Die drei Vans der Wiener Metafunker stehen gleich daneben, dahinter wird an einer eindrucksvollen Antennenkonstruktion gewerkelt, Spannweite sieben Meter. Mit Rotor und einem Steuerungsrechner ausgestattet, soll sie der Mondlaufbahn folgen, denn der Erdtrabant wird sozusagen als Relaisstation genutzt. Die vom Mond reflektierten Wellen sollen direkte Kommunikation mit anderen Kontinenten erlauben, schließlich arbeitet man mit der höchsten für Amateurfunkstationen erlaubten Sendeleistung von etwas unter einem Kilowatt.
Bis Freitag hat das Wetter den Aufbau stark behindert. Sonne und Wolkenbrüche wechselten einander in schneller Folge ab und dann wurde es auch noch nachts bitterkalt. Bei den vielen Kabeln, die über die grüne Wiese laufen, ist es eigentlich ein Wunder, dass der Strom so selten ausfällt. Grund für die Blackouts sind fast immer unbemerkte Wasseransammlungen auf den Zeltdächern, die urplötzlich dem Gesetz der Schwerkraft folgen.
Link:
Fun mit FTP
Auf dem Camp haben sich rund 3.000 Menschen eingefunden. Ihre Rechner sind über mehrere WLANs und Glasfaserstrecken vernetzt. Routing und Switching spielt sich in umgebauten Mobilklos ab.
Wenn es denn klaglos funktioniert, ist das Netz rasend schnell, denn es ist direkt an eine Glasfaserleitung angebunden. Dazwischen aber trollt mit schnöder Regelmäßigkeit der Schabernack durch dieses Netz, wenn sich zwei Grüppchen um das Domainname-Service duellieren, wie am Freitag Nachmittag. Am Donnerstag wurde der Port für verschlüsselten FTP-Dateitransfer blockiert. Ziel waren offensichtliche jene Leute, die es dann halt über den unverschlüsselten FTP probierten und ihre Benutzernamen und Passwörter bei dieser Gelegenheit an die lauernden Gentlemen im Hintergrund abgaben. Das ist bei einem Hackercamp nicht eben verwunderlich.
Frühstück vom Palatschinken-Bot
Die gewaltigen Funkanlagen sind nicht die einzigen Zeugnisse österreichischer Ingenieurskunst auf dem Camp. Einen halben Meter hinter dem Redaktionsbüro, in dem diese Zeilen entstanden, werkt ein sogenannter "Amalettomat", ein Roboter, der Palatschinken produziert. Per Default gibt es Nutella drauf, aus Konsistenzgründen muss Marmelade noch manuell aufgetragen werden.
Ein paar Meter weiter steht das Laborzelt, das von Oszillografen angefangen, ein komplettes Elektroniklabor enthält. Dort trifft die Generation TCP/IP mit der Funkercrew zusammen, die ihre Satellitenfänger bastelt. Dabei handelt es sich um sogenannte Zwei-Band-Yagis für den Abendsport, der dann beginnt, wenn die unlängst von der Raumstation ISS ausgesetzten Amateurfunksatelliten über dem Horizont auftauchen und ein paar Minuten lang zu empfangen sind.
Nach Satelliten fischen
Wie ein Gruppe Fischer stehen dann Personen mit Yagi-Richtantennen in den Händen mitten auf der Rollbahn und angeln - halt nicht nach Karpfen, sondern nach dem einen oder anderen Satelliten.
Um diese Zeit verwandelt sich das Camp in einen Landeplatz für UFOs, es ist surreal illuminiert. Auf den Flugzeugbunkern stehen Raketenwerfer aus Licht, die Landebahnen leuchten, im Partyzelt zu Leiwandville treffen dann Delegationen befreundeter Kräfte von überallher ein.
Ägypten an der Themse
John Gilmore, einer der Gründer der Electronic Frontier Foundation, ist ein häufiger und gern gesehener Gast, ebenso wie Jeremie Zimmermann von der französischen Bürgerrechtsorganisation La Quadrature du Net, um nur zwei Namen zu nennen.
Da bricht dann plötzlich etwas vom gefährlichen Unfug, der in der echten Welt unablässig passsiert, ein in dieses Idyll der Hackerspaßkultur. Natürlich wurde hier die Reaktion des britischen Premierminister auf die Krawalle in Großbritannien ausführlich diskutiert. Die Idee, auf soziale Unruhen mit einer verstärkten Kontrolle von Facebook und Twitter zu antworten, wurde zuerst mit ungläubigem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen bzw. mit Epitheta versehen, von denen "ägyptische Verhältnisse" und "unglaublicher Schwachfug" noch der am ehesten druckfähig waren.
Und während mit LED-Ketten illuminierte Drohnen überall auf dem Gelände des Camps aufsteigen, fragt sich so mancher, ob es nicht langsam Zeit wäre, sich mit den eigenen Skills und Mitteln einzumischen, zumal der in der wirklichen Welt eskalierende Schwachfug der Politik langsam auch privat schmerzhaft wird.