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Simon Welebil

Abenteuer im Kopf, drinnen, draußen und im Netz

15. 6. 2011 - 18:19

Die neuen Gesichter der Obdachlosigkeit

Die Zahl junger Obdachloser nimmt zu. Im JuCa, dem Jugendwohnheim der Caritas finden sie vorübergehend eine Bleibe.

"Ich bin jetzt seit zwölf Jahren Sozialarbeiterin," erzählt Hannah Swoboda. "Als ich angefangen habe, war das Phänomen der jungen Wohnungslosen noch ganz vereinzelt. Da gab's noch das typische Bild des Clochard, 40, alkoholkrank, auf der Straße - der klassische Sandler. Damals ist es schon vorgekomme,, dass Jugendliche dagestanden sind, aber so richtig vermehrt, sieht man das erst in den letzten fünf Jahren."

Hannah Swoboda ist die Leiterin des JuCa, einem Übergangswohnheim der Caritas im 16. Wiener Gemeindebezirk, das jungen Erwachsenen Obdach bietet. 66 Wohnplätze gibt es hier und 16 Notquartiere, Schlafplätze für die Nacht. Sowohl Notquartier, als auch Wohnplätze sind ausgelastet. Sogar für das Notquartier gibt es im P7, dem zentralen Wiener Service für Wohnungslose, eine Warteliste. Über 2000 Anfragen von wohnungslosen Menschen unter 30 gab es dort im letzten Jahr, das ist ein Drittel der Anfragen insgesamt. Ein kleiner Teil von ihnen kommt ins JuCa.

Notquartier im JuCa; ein Einzelbett und zwei Stockbetten, dazwischen Kästen, Handtücher etc.

Simon Welebil

Notquartier im JuCa

Dieser Anstieg der Anfragen ist auf mehrere Ursachen zurückzuführen, meint die Heimleiterin: "Es gibt keinen leistbaren Wohnraum, das ist das eine. Das andere ist natürlich: Wenn ich keinen Lehrabschluss, wenn ich nicht mal einen Pflichtschulabschluss hab', dann hab ich keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ohne Arbeit kein Geld im Endeffekt. Wenn dann dazu noch Suchtprobleme kommen, wenn dazu psychische Probleme kommen, dann ist die Spirale nach unten halt ganz groß." Jugendlichen ohne Schulabschluss fehle es auch an Selbstwertgefühl, sie hätten keinen Status in der Gesellschaft.

Die Notquartiere sehen aus wie Zimmer in Jugendherbergen. Es gibt Stockbetten und verschließbare Schränke. Vier bis sechs Personen teilen sich ein Zimmer für die Nacht. Ohne Konflikte geht das nicht ab, wenn unterschiedliche Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Geschichten und teilweise psychischen Erkrankungen auf kleinem Raum miteinander auskommen müssen. Die SozialarbeiterInnen müssen häufig ihre Konfliktlösungskompetenz unter Beweis stellen.

ein helles Einzelzimmer mit Bett, Schreibtisc, STuhl, Nachtkästchen, SChrank und Kochgeschirr

Simon Welebil

Standardzimmer im JuCa

Die Notquartiere stehen den jungen Erwachsenen nur für die Nacht zur Verfügung. Am Tag müssen sie das Haus verlassen. Nach 2-3 Monaten wird dann meist ein Einzelzimmer im Wohnheim frei, in dem sich die BewohnerInnen heimisch fühlen sollen. Erst dann könnten sie an ihren Problemen arbeiten, die meist durch ihren sozialen Hintergrund bedingt sind, meint die Heimleiterin. Armut in den Herkunftsfamilien sei keine Seltenheit, auch Alkoholismus und psychische Erkrankungen der Eltern nicht. "Soziale Armut wid vererbt", sagt Swoboda, aber daneben würden auch sogenannte "Wohlstandsverwahrloste" ins JuCa kommen, junge Menschen, die kurz vor der Matura stehen, aus einem guten Elternhaus kommen, aber an Beziehungsarmut leiden und diese auf der Straße zu kompensieren gesucht hätten - der Beginn der Abwärtsspirale. Und die trifft immer jüngere Menschen. In den letzten zehn Jahren sei das Durchschnittsalter im JuCa von 27 auf 22 Jahre gesunken, so Swoboda.

Im JuCa versucht man, den jungen Erwachsenen wieder Halt zu geben und Ordnung in ihr Leben zu bringen. Die BewohnerInnen kochen gemeinsam, erledigen für ein Taschengeld kleinere handwerkliche Tätigkeiten und halten das Haus selber sauber, es gibt einen Putzplan für die Männer- und Frauen WGs. Im JuCa sind die Bereiche für Frauen und Männer streng getrennt. Frauen bräuchten eine besondere Schutzzone, so Hannah Swoboda. "Viele haben Gewalt und auch sexualisierte Gewalt erfahren müssen, haben daher ein schwieriges Verhältnis zu Männern und wir wollen sehr sensibel mit diesen Erfahrungen umgehen." Durch gemischtgeschlechtliche Betreuung soll ihnen aber auch ein anderes Geschlechterbild vermittelt werden.

Hannah Swoboda bewertet mit einem Smile mit heruntergezogenen Mundwinkel die Sauberkeit im Aufenthaltsraum

Simon Welebil

Hannah Swoboda bewertet die Sauberkeit im Aufenthaltsraum

Das JuCa war früher ein reines Männerheim und auch heute noch sind die Männer in der Überzahl, aber nur wegen der baulichen Gegebenheiten, nicht wegen der Anfragen. Bei den ganz Jungen bis 21 hätten sogar mehr Frauen Wohnbedarf, weil sie sich nicht mehr wie junge Frauen früher auf Zweckpartnerschaften einlassen würden. Aber diese Einstellung halte nicht sehr lange, wenn der Weg alleine nicht gelingt.

Alleine auf den Weg gemacht haben sich Roman, 21, Markus, 22 und Daniel, 25, mit dem JuCa als vorläufiger Endstation. Allen gemeinsam ist, dass sie keine Ausbildung haben. Ihre Schicksale sind aber verschieden. Daniel etwa wollte Bäcker werden, aber sein "Beinahe-Lehrherr" ist pleite gegangen, bevor er die Lehre antreten konnte. Dann wurde er unfreiwillig zum Pfleger seiner Mutter, die fünf Schlaganfälle und vier Herzinfarkte erleiden musste. Als die Mutter dann schließlich doch in ein Pflegeheim kam, hat Daniel die Wohnung nicht halten können. Jetzt will er bald wieder hier ausziehen, er hat einen WG-Platz zugesagt bekommen und arbeitet auf einen Job als Security hin.

Drei junge Erwachsene an einem Tisch im Freien

Simon Welebil

Markus, Daniel und Roman im Hof des JuCa

Bevor Roman ins JuCa kam, hatte er in einer Notschlafstelle am Westbahnhof Unterschlupf gefunden. Er ist von zu Hause ausgezogen, nachdem er das Bundesheer absolviert hat, weil er sich mit seinen Eltern zerstritten hat. Nun sucht er Arbeit, über's AMS und im Internet.

Streit mit den Eltern gab es auch für Markus, genauer gesagt mit dem Mann seiner Mutter. Über das Internet hat der Wiener-Neustädter das P7 gefunden und ist nach Wien gezogen. Das Geld für eine eigene Wohnung hatte er nicht, da er vorher nur für Leiharbeitsfirmen gearbeitet hat, manchmal für Tage, manchmal für ein paar Monate. Nach seiner Volljährigkeit hat er außerdem Schulden bei seinem Handybetreiber angehäuft. Markus würde jede Arbeit annehmen, die er kriegt, um seine Ziele zu erreichen: "Mein Leben in den Griff kriegen, meine Schulden abzahlen, ein eigenes, unabhängiges Leben führen."

"Wir stehen vor dem Phänomen, dass wir sie integrieren müssen, dass wir für sie sozusagen ein Leben ermöglichen müssen", erklärt Hanna Swoboda. "Die haben noch keine Wohnung gehabt, die haben noch nie ihren eigenen Raum gehabt und bei uns finden sie zum ersten Mal einen eigenen Raum, wo ich Ich sein kann, wo ich so, wie ich bin aufgenommen werden kann, und das bieten wir und versuchen dadurch dann anzufangen, die anderen Probleme zu lösen."