Erstellt am: 10. 5. 2011 - 06:00 Uhr
Zensur, Desinfo und die Wut der Massen
Nach den Zusammenstößen zwischen Polizei und wütenden Demonstranten hatte hatte die tunesische Übergangsregierung zu den vordem üblichen Mitteln gegriffen.
Zum einen wurde am Samstag eine Ausgangssperre bis Montag Früh verhängt, zudem wurde das Facebook-Profil des prominenten Dissidenten Jalel Brick vorübergehend gesperrt.
Aktuell dazu
Im Gespräch mit ORF.at zeigte der britische Medienwissenschaftler Chris Berry, dass die (Internet-)Zensurpolitik der Kommunistischen Partei Chinas in uralten Traditionslinien gefangen ist.
Facebook mit Sonderstatus
Das heizte die Wut der Demonstranten noch mehr an. Die neuerlichen Proteste hatten sich nämlich nicht zuletzt daran entzündet, dass die Übergangsregierung heimlich ein neues Internetzensurgesetz verabschiedet hatte.
Dagegen ist vor allem die junge Generation der Tunesier allergisch, zumal Facebook dort einen ganz besonderen Status hat.
Telefonbuch und Nachrichtenagentur
"Facebook war während des Aufstands gegen Ben Ali unser Telefonbuch und unsere Nachrichtenagentur zugleich" erzählte Rafik Dammak am Rande der Konferenz "Freedom of expression online: Interplay of human rights and ICT" im EU-Parlament.
Das syrische Staats-TV von dem die Skyshots stammen, ist in Mitteleuropa via Eutelsat Hotbird 8 auf 13 Grad Ost, 12,015 GHz horizontal einfach zu empfangen.

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Dieser Sonderstatus sei vor allem darauf zurückzuführen, dass so viele Tunesier über Facebook zu ereichen seien. Insgesamt gebe es mehr als zwei Millionen tunesischer Profile, so der IT-Ingenieur und Blogger weiter.
Zwei Mio Profile
Angesichts einer Penetrationsrate von etwas mehr als 30 Prozent der Gesamtbevölkerung was 3,5 Millionen Tunesiern mit Internetzugang entspricht, sind zwei Millionen Facebook-Profile eine beeindruckende Zahl.
Das Land verfügt zwar über mehr als ein Dutzend Internet-Provider, die allerdings sämtlich an ein- und demselben staatlich kontrollierten Backbone hängen. Damit wäre es technisch ein Leichtes, entweder einzelne Profile oder gleich die gesamte Facebook-Site landesweit zu sperren. Warum hatte das Regime das nicht versucht?
"Haben sich nicht getraut"
"Sie haben sich nicht getraut. Als Facebook im August 2008 für zwei Wochen gesperrt war, haben sich auch ganz normale Menschen enorm aufgeregt und gingen zum erstenmal auf die Straße", sagte Dammak, der über einen Videolink aus Tunis im EU-Parlament zugeschaltet war.
Die sogenannten "Ordnungskäfte", also die berüchtigte Prügel- und Folterpolizei Tunesiens, ging von Donnerstag bis Samstag nicht nur gegen die Demonstranten äußerst brutal vor.
Prügel für Journalisten
15 Journalisten, die von den Demonstrationen aus Tunis berichteten, wurden verprügelt und ihre Ausrüstung konfisziert. Das ist ein klares Zeichen dafür, dass in der tunesischen Übergangsregierung noch der Ungeist des Gewaltregimes von Zineddine Ben Ali regiert.

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Gegen die nur schwer umfassend manipulierbaren Medien der digitalen Massenkommunikation - Handys, SMS, E-Mail und WWW - setzen die Machthaber von Tripolis bis Damaskus jene Medien ein, die sie vollständig kontrollieren.
BBC und Al-Jazeera
Wie vorher schon das libysche liefert sich das syrische Regime, das in den letzten Tagen erneut auf Unbewaffnete schießen ließ, einen Propagandafeldzug gegen Al-Jazeera.
Am Sonntag standen wiedereinmal vom Regime selbst organisierte "Protestveranstaltungen" im Zentrum der "Berichterstattung" des syrischen Staatsfernsehens. Ein relativ überschaubarer Haufen von mit Fahnen und Al-Assad-Porträts verschwenderisch ausgestatteter Jubelsyrer verbrannte öffentlich Al-Jazeera-Logos und Abo-Karten.
In den Nachrichtensendungen des Staatsfernsehens auf Englisch, Französisch und Russisch wurde am Wochenende die "Desinformation" von BBC und Al-Jazeera angeprangert.
Seit zehn Tagen gibt es keine Nachricht von Dorothy Parvaz, die für Al-Jazeera arbeitet. Parvaz wurde auf einem Zwischenstopp in Damaskus verhaftet und ist seither in der Gewalt der syrischen Behörden.
Staats-TV gestürmt
Die Demonstranten in der Hafenstadt Tartous waren da völlig anderer Ansicht, als sie am Samstag die Lokalredaktion des syrischen Staastsfensehens stürmten und das Gebäude verwüsteten. Von Syria TV wurde mit einiger Entrüstung darüber berichtet.

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Selbst geht man so vor, wie es die Regimes in Tripolis, Kairo und anderswo vorexerziert haben. Einen Tag nachdem auf Unbewaffnete geschossen worden war, werden Menschen vor die Kameras gezerrt, die mit gesenktem Blick "Bekenntnisse" zu terroristischen Taten vortragen.
Dazu zeigt man ein paar Kalaschnikows und Handgranaten, rundum ist das Ensemble mit Bündeln von Dollarscheinen dekoriert.
Diktaturen, Stereotypen
Die ägyptische Medienpolitik rund um den Sturz des Mubarak-Regimes im Vergleich. Der etwas wagemutige Titel "Die letzten Tage von al-Gaddafi-TV" von Ende Februar hat sich im April dann bestätigt.
Exakt dieselben Szenen waren davor bereits im libyschen, ägtyptischen und jemenitischen Staatsfernsehen vorgeführt worden, die noch eines gemeinsam haben: eine ungeheure Ödnis des Programms.
Stundenlange Monologe von Stammesführern oder sonstigen Honoratioren der Regimes dominierten in Syria-TV wie im Jemen den ganzen Montag Nachmittag. Über die Schultern der Moderatoren blickt dabei der jeweilige Herrscher von einem Bild im Studio staatsmännisch in die Kameras.
Beim libyschen Staatsfernsehen ist das von Europa aus nicht mehr nachzuvollziehen, denn die TV-Hanswurstiaden von Muammar al Gaddafi sind außerhalb Libyens nicht mehr so einfach zu sehen. Aufgrund der UN-Sanktionen wurde die Ausstrahlung der drei libyschen Kanäle über Eutelsat im April eingestellt.