Erstellt am: 1. 3. 2011 - 12:15 Uhr
WikiLeaks® und Julian Assange™
Heute (1.3.2011) ab 15 Uhr: Das Interview mit Daniel Domscheit-Berg über das Werkzeug WikiLeaks und die Arbeit im Hintergrund in FM4 Connected.
Am Montag wurde bekannt, dass Julian Assange ѕowohl für seinen Namen als auch für die Website WikiLeaks mehrere Markenzeichen beantragt hat. Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen seiner Kritiker wie etwa Ex-Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg, deren Vorwürfe etwa so zusammenzufassen sind: Assange sei selbstherrlich und geldfixiert bei unklarem Finanzgebaren.
Vor allem im Lichte seiner mittlerweile wahrscheinlichen Auslieferung nach Schweden ist das ein eigentlich überfälliger Schritt. Eine derartige Trademark kann gegen Geschäftemacher, mit denen man nichts zu tun haben will, ebenso nützen, wie vor verdeckten Desinformationskampagnen, die unter dem WikiLeaks-Logo gefahren werden.
WikiLeaks und Intellectual Property
Eingereicht wurde bisher beim britischen "Intellectual Property Office", Sinn macht das jedoch nur, wenn auch in anderen Ländern derselbe Markenschutz beantragt wird, vor allem in den USA. Ob dieses Vorhaben dort überhaupt durchgehen kann, steht freilich in den Sternen.
"Wir sind schon sehr gespannt darauf, wie die US-Behörden auf einen möglichen Antrag einer Organisation reagieren, die sie illegaler Aktivitäten beschuldigen", schrieb James Nixon im britischen Fachmagazin thinq am Montag.
Einsamkeit und Depeschen
Um Assange ist es ansonsten ziemlich still geworden. Anstatt in Hacker-Spaces diverser europäischer Städte abzuhängen, ist er buchstäblich an einen britischen Herrschaftssitz gefesselt, zur Abwechslung gibt es nur die Termine bei Gericht.

EPA / KERIM OKTEN
Die Publikation neuer "Cables" geht zwar ungebrochen weiter - über 5000 wurden bereits publiziert - doch all das stammt aus jenem großen Set an Dokumenten, die von der US-Regierung dem Ex-Gefreiten Bradley Manning zugeschrieben werden, der in einem US-Militärgefängnis sitzt. Von wem auch immer sie stammen, jedenfalls wurden sie aus dem Dokumentenpool des militärischen SIPRNet abgeschöpft.
Achillesferse SIPRNet
500.000 Benutzer haben Zugriff auf das geheime militärische Netz, aus dem die WikiLeaks-Dokumente stammen. SIPRNet ist als Backbone für "vernetzte Kriegsführung" ein strategisches Instrument. Seit Außenministerin Hillary Clinton "den Stecker gezogen" hat, ist die Datenbank des Außenministeriums vom "Secure Internet Protocol Router Network", (SIPRNet) der Militärs wieder getrennt.
Kleptokraten und Medien
Die neueste Serie von veröffentlichten Dokumenten vom Sonntag offenbart peinliche Einsichten in die Innenpolitik Kenyas, die Nachricht davon macht gerade in afrikanischen Medien und Blogs die Runde.
Davor war wieder einmal die "Königsfamilie", wie sich die saudiarabische Kleptokratie nennt, dran gewesen, wobei die Enthüllungen auch hier den Erwartungen entsprachen. Wie die Reaktionen aus diesen Ländern zeigten, stoßen derlei Nachrichten auf großes Interesse in den betreffenden Regionen, denn praktisch immer betrifft es dort zwar bekannte Probleme - die aber in den jeweiligen Landesmedien nie thematisiert werden.
Status: Pause
Wer sich von den "Depeschen" grundsätzlich neue Erkenntnisse erwartet hatte, ist ohnehin schiefgelegen. Die oberste Klassifizierungsstufe der Dokumente ist "secret", was etwa dem Status "vertraulich" entspricht, aber weit weg von echten Staatsgeheimnissen ist.
Anders als Assange hat der mittlerweile innig verfeindete Ex-Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg sein Buch "Inside WikiLeaks" schon auf dem Markt und ist dafür auf Promotion-Tour. Domscheit-Bergs eigenes Projekt OpenLeaks, das längst hätte starten sollen, hat bis dato keine einzige Publikation zur Folge gehabt. Auch WikiLeaks nimmt im Moment nichts entgegen, angeblich weil der sichere und anonymisierte Upload-Mechanismus nicht mehr funktioniert.
Während Assange auf die Entscheidung wartet, zerlegt sich die technische Basis von WikiLeaks quasi von selbst. WikiLeaks-Insider Daniel Domscheit-Berg hat nach eigenen Angaben technische Systeme abgezogen und will sie erst dann wieder herausgeben, wenn WikiLeaks wieder sicher sei.
Insider und Leaker
Für beide Projekte sieht die Zukunft düster aus. Ein von den USA und anderen mit Argusaugen überwachtes Zentralportal wie WikiLeaks kann alles andere als Anziehungspunkt für "Whistleblower" sein, die auf eigene Gefahr geheime Dokumente an die Öffentlichkeit bringen wollen.
Domscheit-Bergs OpenLeaks-Ansatz wiederum sieht keine eigene Publikationstätigkeit vor, vielmehr soll OpenLeaks eine Art Vermittler zwischen "Leakern" und "Journalisten" sein. So weit, so gut, nur stellt sich dann die Frage: Vertraue ich Dokumente, die mich Kopf und Kragen kosten können, einer Website an, deren Betreiber gerade ein Buch mit Insiderwissen über die Vorgänge hinter einer solche Website auf den Markt geworfen hat?
Bradley Manning, Einzelhaft
Damit sind wir bei Bradley Manning, dem damals 21-jährigen Gefreiten, von dem die Dokumente angeblich stammen. Seit sechs Monaten sitzt Manning auf der US-Marinbasis Quantico, Virginia, in Einzelhaft und offensichtlich wird kaum eine Schikane ausgelassen.
Seit Ende Jänner steht er wegen angeblicher Selbstmordgefahr unter dauerhafter Überwachung, der einzige private Besucher, den er pro Woche empfangen darf, wurde unlängst festgesetzt und erst nach Ablauf der Besuchszeit wieder freigelassen, berichtet Mannings Unterstützerkomitee.
Paypal kündigt - doch wieder nicht
Am vergangenen Donnerstag hatte das Online-Bezahlunternehmen PayPal das Konto des Unterstützerkomitees gekündigt, um das am Samstag sogleich wieder rückgängig zu machen.
Bereits im Dezember hatte PayPal das Spendenkonto von WikiLeaks gekündigt, genauso wie davor Amazon Hosting-Services und die Bank of America abrupt das Spendenkonto abgedreht hatte.
Name of the game
Beim britischen Patentamt wurden insgesamt drei Anträge auf Erteilung von Markenschutzrechten gestellt. Nach ihrer Veröffentlichung im März folgen zwei bis drei Monate Einspruchsfrist, erst dann können die Markenrechte für den United Kingdom erteilt werden.
Das alles ist Assange nicht einfach so passiert. Obwohl die WikiLeaks.net Adresse beschlagnahmt wurde und Amazon das Cloud-Hosting abstellte, war die Website nicht nur ständig verfügbar, sie verhundertfachte sich vielmehr innerhalb weniger Tage.
Mit jeder dieser Aktionen von US-Seite brachte eine neue Welle von Artikeln WikiLeaks weltweit in die Schlagzeilen, die betreffenden US-Unternehmen waren als Handlanger ihrer Regierung bloßgestellt.
Viel Spielraum für solche - kühnen wie listigen - Manöver ist Assange nun nicht mehr geblieben. WikiLeaks war den Aktionen der Gegenseite bisher immer zwei Schritte voraus, jetzt ist man hintennach.
SIPRNet oder: die Quelle
Bradley Manning sieht sich mit einer zu erwartenden Maximalstrafe von 52 Jahren Gefängnis konfrontiert. Sein Unterstützerkomitee spricht von unmenschlichen Haftbedingungen und kündigt eine Demonstration vor der US-Marinebasis Quantico für den 20. März an.
Was selektive Wirklichkeitsbetrachtung angeht, so betrifft das nicht nur saudiarabische oder libysche Medien. Alle am Sonntag veröffentlichten Dokumente stammen - wie jene davor - aus dem "Secure Internet Protocol Routing Network" (SIPRNet) der US-Militärs, das unter George W. Bush nach 2001 mit dem Botschaftsnetz des State Department verbunden worden war.
Unter der Doktrin der "total information awareness" im Rahmen des "network centric warfare" wurden via SIPRNet 500.000 Benutzern weltweit umfassende Zugriffsberechtigungen erteilt.
Weder Google, noch Ixqick oder Bing finden auch nur einen substanziellen Bericht amerikanischer Medien zum Thema SIPRNet der letzten Monate. Dabei war SIPRNet nachweislich die Quelle aller als "secret" apostrophierten US-Dokumente auf WikiLeaks seit 2010.