Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Transparenz mal andersrum"

Michael Fiedler

Politik und Spiele, Kultur und Gegenöffentlichkeit.

15. 9. 2010 - 13:05

Transparenz mal andersrum

Wir wollen was für unser Steuergeld. Open Government Data zum Beispiel.

In Österreich werden irrsinnig viele Daten staatlich generiert: Das Parlament schreibt zum Beispiel jede Sitzung im Wortlaut ab, die Ministerien untersuchen ihre jeweiligen Fachgebiete, die verschiedenen Ämter und Behörden füllen Terabyteweise Datenbanken. Vieles davon bekommen wir gar nicht zu sehen - und wenn, dann in einer unbefriedigenden Form. "Open Government Data"-Bewegungen fordern den freien Zugang aller Bürger zu mit Steuergeld finanzierten Daten.

Beispiel Parlament: Es ist ja ganz nett, dass ich hier alle
Protokolle der Zweiten Republik zur Verfügung habe und nach Herzenslust schmökern kann. Noch netter wäre aber ein Tool, das mir hilft, meine Wahlentscheidung auf Basis dieser Dokumente zu treffen. Martin Kaltenböck von der Semantic Web Company und Mitinitiator der Österreichischen Open Government Initiative stellt sich das so vor: "Ich suche mir auf einer Landkarte über die Wahlkreise den Parlamentarier, der mich vertritt und kann mir dann seine Wortmeldungen und wann er wie oft zu welchem Thema gesprochen hat, anschauen." Dazu stellt mir die App vielleicht gleich alle anderen VolksvertreterInnen aus dem Wahlkreis zusammen, filtert mir deren Stellungnahmen zu für mich wichtigen Themen und zeigt mir vielleicht auch noch das Abstimmungsverhalten der Beteiligten. All das lässt sich schon jetzt herausfinden (mit Ausnahme des Abstimmungsverhaltens, aber dank Klubzwang ja doch) es ist nur irre aufwändig. Und für ein solches Tool sind die vorhandenen Daten zu verpackt. Kaltenböck: "Wir machen PDF-Dateien daraus oder HTML - HTML kann die Maschine schwer interpretieren und aus einem PDF wieder Daten herauszuholen, ist halt schwierig."

Karte der europäischen Open Government Data Initiativen.

maps.google.com

In Europa sprießen die OGD-Projekte wie Schwammerln nach einem Sommerregen.

Die Open Government Data Austria ist eine lokale Lobbygruppe, die Überzeugungs-, Vernetzungs- und Medienarbeit macht. Auch um damit vielleicht einmal Geld zu verdienen.

Die Maschinenlesbarkeit ist das dringlichste Problem aus den Grundprinzipien von Open Government Data. Neben den rechtlichen Aspekten. Denn nur weil der Staat Daten hat, heißt das noch lange nicht, dass er sie in der Rohform an seine BürgerInnen weitergibt. "Damit verliert er die Deutungshoheit." sagt Martin Kaltenböck. Wenn wir nicht die gut aufbereitete Kriminalstatistik vom Innenministerium geliefert bekommen, lassen sich vielleicht ganz andere Schlüsse daraus ziehen, als das die Politik vielleicht tut. Oder warum gibt es nochmal den oft doch recht sinnlos scheinenden Posten des Staatssekretärs, der Staatssekretärin? Wikipedia nennt als Job-Description "Aufpasser".

Dass Open Government Data tatsächlich Sinn ergibt, zeigen Anwendungsbeispiele aus den Vorreiterländern der Bewegung: USA und Großbritannien. In Zanesville, Ohio, hat eine Bürgerrechtsbewegung 2008 10,9 Millionen Dollar Schadenersatz erstritten. Ein Anwalt hat Daten über Wasseranschlüsse und Daten über die ethnische Herkunft von Einwohnern auf einer Karte übereinander gelegt und hatte den Beweis, dass die Stadt afroamerikanischen Einwohnern gerne den Wasseranschluss vorenthält. Wobei: So wäre das in Europa wohl nicht möglich. Personenbezogene Daten wie ethnische Herkunft werden von europäischen Open Government Data-Initiativen durchwegs abgelehnt. In den USA geht es datenschutztechnisch nicht zimperlich zu, das führt bis zur offiziellen Suchseite für Sexualstraftäter.

Großbritannien gibt mehr für Verteidigung als für Bildung aus.

In Österreich waren es 2009 immerhin 10,992 Mrd Euro für Bildungs- und Wissenschaftsministerium zusammen und 1,987 Mrd Euro für das Verteidigungsministerium. Es hat mich jetzt aber fast eine halbe Stunde gekostet, bis ich das richtige Schlagwort ("Bundesrechnungsabschluss") und darüber dieses PDF-Packerl auf der Seite des Rechnungshofes entdeckt und das dann bis Seite 21 durchgescrollt habe.

Grafik der britischen Staatsausgaben auf wheredoesmymoneygo.org

wheredoesmymoneygo.org

In Großbritannien werden auf data.gov.uk seit Anfang des Jahres jede Menge Rohdaten veröffentlicht, Ideen zu deren Nutzung gewälzt und auch umgesetzt. Da ist auch die super Anwendung Where does my money go entstanden. Dort wird die Ausgabenseite des britischen Budgets visualisiert. Das Ding ist noch im Entstehen und es fehlen noch jede Menge Infos, aber es sagt schon jetzt eine Menge über die aktuelle Lage im Vereinigten Königreich aus.

Am 3. Dezember findet in der Wiener Planungswerkstatt das Gov2.0camp statt, das sich unter anderem mit Open Government Data beschäftigt. Ein Barcamp ist eine Konferenz, die sich selbst organisiert, während sie stattfindet, zu der alle eingeladen sind und auch gehört werden.

Auf data.gov.uk sind alle Daten völlig frei. Das heißt: Man kann sie auswerten, deuten, wiederverwenden, in eigene Programme einbetten - und weiterverkaufen. Die Open Government Data-Befürworter hoffen darauf, dass ganz neue Wirtschaftszweige entstehen. Auf dem Kontinent wird noch über verschiedene Lizenzmodelle diskutiert. Auch weil der Staat etwa mit Grundbuch- und Firmenbucheinträgen ja Geld verdient und darauf nicht verzichten wird. Bis in Österreich überhaupt einmal Rohdaten öffentlich zugänglich werden, kann es noch dauern: Dokumente schwärzen, Missstände unter den Tisch kehren, Informationen verschwinden lassen wäre dann nicht mehr so einfach möglich. Martin Kaltenböck rechnet trotzdem damit, dass Ende 2010 die ersten Daten freigegeben werden. Vielleicht etwas zu Sport oder Umwelt. Was sich damit wohl schon alles anstellen lässt?

Haftungsausschluss

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

Zum Eingabeformular Kommentieren

  • prom000 | vor 2561 Tagen, 17 Stunden, 41 Minuten

    Warum Verteidigung & Bildung?

    Erste Aufgabe des Staates?

    Auf dieses Posting antworten
    • derfiedler | vor 2561 Tagen, 15 Stunden, 34 Minuten

      weil mir auf der grafik links aufgefallen ist, dass die briten mehr für landesverteidigung ausgeben als für bildung, was ja wohl eine schande ist und weil ich anhand dieses beispiels mal schauen wollte, wie schnell man diese zahlen für österreich herausfinden kann.

    • prom000 | vor 2557 Tagen, 21 Stunden, 56 Minuten

      verstehe.
      Ist aber wieder eine interpretationssache:
      Obwohl Österreih so viel mehr für Bildung als Verteidiggung ausgiebt sieht bei der Bildung soviel besser nicht aus.
      Und schande: sinn & unsinn von verteidigungsaufgaben, gut mit dem Thema hat man bei FM4 eh verloren.
      Zitat britischer Rechtsexperte(sinngemäss):
      Zuerst hat der Staat für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen, erst wenn das bezahlt ist komt alles andere.

    • prom000 | vor 2557 Tagen, 12 Stunden, 22 Minuten

      Und wenn dann mal irgendwann die chinesische Invasionsflotte aus Brest in Richtung UK ausläuft wird gejammert warum wir uns nicht verteidigen konnten ...
      Ganz zu schweigen das man damit mehr als 300.000, allein in Deutschland, eigentlich krisensichere Jobs in den Wind schießen würde.
      Das Resultat der Militär-Kastration sehen wir zur Zeit in Afghanistan.
      Du kannst drauf wetten, das die weißrussische Armee auf dem Reichstagsgebäude die Flagge hissen würde, während man sich in Warschau noch wundert, woher die Kettenspuren im Asphalt kommen

    • prom000 | vor 2557 Tagen, 12 Stunden, 20 Minuten

      ich habe nichts dagegen die Streitkräfte zu reduzieren, bzw. abzurüsten. Was mich stört ist aber, das man den Rotstift dort ansetzt, wo's schlicht und ergreifend falsch ist.

      Streitkräfte haben für mich drei Haupt-Aufgaben:

      1. Landes- bzw. Bündnisverteidigung
      2. internationale Krisenbewältigung
      3. internationale Hilfeleistung

      Und jetzt guck dir mal die NATO an:

      1. können wir vergessen, das bekommt allenfalls noch Frankreich hin.
      2. man hebt sich einen Bruch gegen Kameltreiber mit Kalashnikow
      3. das bekommt man noch hin ... mit Mühe und Not.

      Man formiert immer kleinere, immer mobilere Verbände denen am Ende die Feuerkraft fehlt. Und weil denen die Feuerkraft fehlt, ruft man im Kampf lieber die Air Force, die dann mittels Streubomben neben 10 Taliban noch 50 Zivilisten zu Allah schickt. Siehe Kunduz: Da werden zwei Tanklaster geklaut und anstatt ein paar Schützenpanzer zu schicken lässt man zwei Strike Eagle mit JDAM's drauf los nachdem man die Tanker von einer B-1B (!!!) hat ausspähen lassen.

      Angenommen in Berlin wird ein Bus entführt, ruft man dann auch in Spangdahlem an?

      Man kastiert die Technik, "weil man nicht alles braucht", um Geld zu sparen, anstatt mehr zu kaufen und damit "Mengenrabatt"...

    • prom000 | vor 2557 Tagen, 12 Stunden, 20 Minuten

      zu bekommen.

      Abrüstung schön und gut, aber dann bitte sinnvoll.

  • alexwagner | vor 2562 Tagen, 9 Minuten

    Danke

    für den guten Artikel. Transparenz mal transparent!

    Und eine Wohltat für Journalisten wärs obendrein, wenns bessere Recherchetools gäbe, die die vorhandenen Daten besser aufbereiten können. Die Tiefen des Internets!

    Auf dieses Posting antworten