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Andreas Gstettner-Brugger

Vertieft sich gern in elektronische Popmusik, Indiegeschrammel, gute Bücher und österreichische Musik.

26. 6. 2010 - 15:29

Cowboys, Astronauten und Plattendreher

In der FM4 Soundparknacht The Black Riders, Ernesty International und DJ Urbs präsentiert historisches aus Österreich. Und wir mixen uns durch neue Platten von Lehnen und Sen Lotus.

APA / FIFA

Es ist nicht leicht in diesen Zeiten, sich den Kopf frei zu halten und nicht übersteigerten Erwartungen oder lang gehegten Hoffnungen nachzugeben. Schwer fällt es vor allem deshalb, weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist und sich gerne auf Altbekanntes verlässt. Ja nicht zu viel Veränderung, ja nichts Überraschendes, es könnte ja etwas Unangenehmes sein.

Auch unsere Hörgewohnheiten sind heute mehr denn je von einer formatierten Gleichschaltung geprägt. Gleichzeitig fielen in den letzten Jahren endgültig jegliche Genregrenzen, was wiederum zur Folge hatte, dass Überraschungen nicht mehr von der "breaking bounderies" Fraktion zu erwarten sind. Vielleicht vollziehen sich ja innovative Veränderungen eher in der Innenwelt der Künstler, die man manchmal nur auf der musikalischen Mikroebene festmachen kann. Meist eröffnen sich die wirklichen Überraschungen erst bei der intensiven Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Werk. Anders gesagt steckt der Teufel oft im Detail.

Protuberanzen, Sonnenflecken

public domain

In dieser Soundparknacht gibt es auf alle Fälle genug Überraschungen. Schließlich reiten wir mit Cowboystiefeln und einer 6-String auf einem Drum-Kit durch die Rock-Prärie, vollziehen den kleinen Schritt für die Menschheit zwischen den großen Protuberanzen der Sonne und beamen uns schlussendlich in die Zeit zurück, als wir noch nicht von Handy und Internet kaputt gemacht worden sind.

Lass den Revolver stecken

Ein Mensch, der immer wieder musikalische Metamorphosen durchläuft und damit sein Umefld oft in Staunen versetzt, ist Martin Rotheneder. Als Ben Martin folgt er dem inneren Drang eines Singer/Songwriters, mit I Am Cereals verwirklicht er unterstützt von dem Bauchklanger Gerald Huber und Freunden seine Elektro-Disco-Pop-Träume und jetzt hat er ein neues musikalisches Pferd gesattelt: The Black Riders. Gemeinsam mit dem Schlagzeuger Michael Prowaznik hat er ein Duo geschaffen, dass es bei einem stilgerechten High-Noon-Shootout durchaus mit den White Stripes oder Two Gallants aufnehmen könnte. Ihre Waffenwahl fällt dabei auf die gute alte 6-string, ein abgehalftertes Schlagzeug und lediglich ein kleines Loop-Pedal. Die Worte kann man dabei sicher auch unverstärkt gegen den aufbrausenden Wüstenwind schreien.

The Black Riders

Das The Black Riders Debüt "The Guns Are Rested" ist auf Ben Martins Label Violet Noise Records erschienen.

Getroffen haben sich die beiden bei einem Konzert von Esteban's, jedoch nicht im Publikum vor sondern auf der Bühne. Schon damals wurde den beiden nach nur wenigen gemeinsam gespielten Tönen klar, dass sie einen guten Draht zueinander haben. Ein unumgängliches Muss für das Projekt The Black Riders, denn eigentlich entstehen alle Nummern in Jam-Sessions. Und wer jetzt glaubt, nur Gitarre und Schlagzeug würden sich vom Sound her schnell erschöpfen oder gar langweilig werden, der irrt. Das Debüt "The Guns Are Restet" ist extrem abwechslungsreich, was sowohl Tempo, Rhythmus und Strukturen betrifft, als auch die verschiedenen Stimmungen und Bilder, die Ben Martin und Michael Prowaznik transportieren. So klingt bei dem Eröffnungsstück "Chasing Rabit" der Klang der Snare-Trommel wie das Klicken eines verstaubten Revolvers und nicht selten sieht man beim Hören der Platte die Beiden vor dem inneren Auge durch die amerikanische Steppe traben, dichte Staubwolken hinter sich herziehend. Nur ihre Sporen auf den Cowboystiefeln blitzen in der heißen Präriesonne.

Bandfoto The Black Riders

Christoph Haiderer

"The Guns Are Rested" von The Black Riders ist ein stimmungsvolles Debüt. Es ist ein perfekt abgestimmtes Gesamtkunstwerk, das erfrischt, verblüfft und einen gleichzeitig komplett wegbeamen kann. Ben Martin und Michael Prowaznik reiten mit uns durch ihre musikalisches Wildwest-Reich und plaudern bei einem kleinen Lagerfeuer und einer Pfanne mit Speck und Bohnen über ihre Porduktions- und Jam-Geheimnisse, Tom Waits und Theater, sowie über die Bilder, die sie beim Spielen wirklich im Kopf haben.

Es ist die Sonne, Mister President!

Schon vor knapp einem Jahr, als der Multiinstrumentalist und Musicaholic Ernst Tiefenthaler im Soundpark zu Gast war, um sein Solo-Debüt als Ernstey International vorzustellen, hat er mich mit einer Aussage ziemlich überrascht: "Ich habe eigentlich schon das nächste Album fertig!". Und auch dieses Mal ist es so, dass wir zwar über das neue Album "It Could Be The Sun, Mr. President" sprechen, aber dieser umtriebige Musiker schon das nächste Werk in der Tasche hat. Der Belle Etage und Hotel Prestige Sänger scheint in einer 12 Monate zeitversetzten Parallelwelt zu leben, zumindest was sein musikalisches Schaffen angeht. Wenn Ernst Tiefenthaler mir im Studio gegenübersteht, ist er volkommen im Hier und Jetzt, zumindest so gut es ihm gelingt, denn der nachdenkliche und sehr lyrisch veranlagte Songschreiber wählt seine Worte immer mit Bedacht und die selbstkorrektiven Reflexionen rücken oft einen spontanen Gedankengang zurecht.

Ernesty International

John Daniel Martin

Genau das scheint auch das unerschöpfliche Potential von Ernesty International zu sein, dem fiktiven Mammutunternehmen, hinter dem zwar nur eine Person steht, dass sich jedoch ein großes Kredo auf die Fahnen geheftet hat:

Ernesty International is a non-governmental, non-profit organization whose aim is - by means of music - to fight global and individual indifference, self-delusion, manipulation, lifelessness, communication disability, misanthropy and solitude.

Cover von Ernesty International "It could be the sund, Mr. President".
Astronaut landet auf der Sonne

Ernesty International

Das zweite Ernesty International Album "It Could Be The Sun, Mr. President" erschienen auf Pumpkin Records. Auch hier wird der Astronaut wieder auf ein ihm unübliches Terrain gesetzt. War's beim Debüt noch die Alm, so ist es jetzt die Sonne.

Musikalisch wird das auf dem zweiten Album mit großteils akustisch anmutenden Folkpopperlen umgesetzt, die jedoch in ihrem Aufbau und in ihrer Konzeption recht komplex sind. Jeder Song entfaltet sich erst nach und nach und scheint dem konfuzianistischem Grundsatz "Der Weg ist das Ziel" zu folgen. Manchmal muss man dafür auf einer Djembé trommeln, eine alte Groovebox entstauben oder aber einfach dem Schnurren einer Katze folgen. Darüber hinaus ist "It Could Be The Sun, Mr. President" stringenter als das Debüt und von den Geschichten, die Ernst erzählt, vielleicht noch eine Spur abstrakter und verschlungener. Hinzu kommt die stimmliche Weiterentwicklung, die ihn manchmal sogar timbre-mäßig an Johnny Cash heranzuführen scheint. Unterstützung erhält er diesmal erneut von eloui und ihrer bezaubernden Stimme.

In einer ausführlichen Listening Session mit Ernst Tiefenthaler spielen wir mit Daddy's Revolver, tanzen in Alaska mit den Beach Boys, küren eine 40 Watt Glühbirne zum König und betrachten zurückgelehnt die Welt von außen.

Hip Hop und Dope Beat Geschichtsstunde

Die zunehmende ständige Weiterentwicklung der Produktionsmittel hat unsere Hörgewohnheiten maßgeblich verändert. Damit scheint diametral die Aufmerksamkeitsspanne abgenommen zu haben. Davon kann auch Paul Nawrata alias DJ Urbs, Hip Hop und Groove-Mann der ersten Wiener Stunde, ein Liedchen trällern.

Paul Nawrata ailas DJ Urbs nach der Tortung

DJ Urbs / G-Stone

Paul: "So wie man heute im Club von den Serato-DJs drei Nummern pro Minute rein geklopft kriegt, so ist es ja auch im Alltag. Es vergehen keine fünf Minuten, in denen du nicht a) im Internet b) am Handy oder c) mit dem Handy im Internet bist. Das hat sich definitiv auch auf die Musik ausgewirkt. Damals war halt sehr oft weniger mehr. Und jetzt ist oft vieles nix. (lacht) "

Also genau der richtige DJ und Produzent, um einen Streifzug durch die nähere österreichische Geschichte zu unternehmen, als zwischen Grunge auf der einen und Techno auf der anderen Seite der eigenständige Hip Hop die weiße Musiklandschaftskarte mit kräftigen Farben bekleckerte, begleitet von den Downbeat-Rändern der Kaffeetassen, die zum internationalen Markenzeichen für den neuen Wiener Sound wurden. In seinem "Back To My 90ies Mix" dürfen da Platten vom Hip Hop Label der ersten Stunde, Duck Squad ebenso wenig fehlen, wie die Produktionen seiner musikalischen Familie G-Stone Records. Darüber hinaus hat Paul in seinem deliziös durcharrangierten Mix so manche schon fast vergessene Dope Beat Perle hervorgekramt.

Back To My 90ies Mix von DJ Urbs:

artist song  
Schönheitsfehler Denk an mich  
Texta Ich bin der Beste  
Untergrund Poeten Mach Platz  
Strong Force Exotic Flow  
Schönheitsfehler Ichdran  
Total Chaoz Traurig aber wahr  
Das Dampfende Ei Drehndrehn  
Schönheitsfehler feat. Cutex A guada Tag  
Swound Park Radio Intro  
DJ DSL Coming with the Sound  
Urbs & Chaoz Bustin  
DJ Cutex Back to the Set  
DJ DSL Jock Dis  
Schönheitsfehler 1a Dopebeat  
Lynne Kieran Super Real  
HipHop Finger feat. Leena Conquest Boundaries (Uptight Mix)  
Sluta Leta Space is the Place  
Lewis Taylor Lucky (Kruder+Dorfmeister Dub)  
Tosca Fuck Dub Pt. 1+2  
Das Dampfende Ei DJ Cutex on the Wheels  

Auf der Straße der Zuversicht erwachen

Sen Lotus Albumcover "Straße der Zuversicht"

Sen Lotus

Zwischen all diesen großen Themen sind genügend kleine Überraschungen versteckt, um die Zeit wie im Flug vergehen zu lassen. Neue Songs von The Base, Soopertrash und Francis International Airport werden da ebenso eingestreut wie die Premieren von James Hersey, The Sooks und Lilja Bloom. Trotz der Fußball WM und des nun endlich eintreffenden Sommers reißt auch die Veröffentlichungsflut noch nicht ab. Zuversichtlich blicken auch die Jungs von Sen Lotus mit ihrem neuen Release in die Zukunft. Die Linzer Band um Sänger, Gitarrist und Songwriter Peter Trebo verweilt gerne im Indiegitarrenrock und öffnet gleich zu Beginn des Albums "Straße der Zuversicht" der Liebe die Türe. Manchmal uptempo, manchmal zurückgelehnt wird sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch den persönlichen Gedanken nachgehangen.

Lehnen Album Cover

Lehnen

Kein Grund, die Augen und Ohren zu schließen: Der FM4 Soundpark in der Nacht von Sonntag 27. Juni 1 Uhr bis Montag 28. Juni 6 Uhr früh

Eine absolut positiv überraschende Neuentdeckung für mich sind Lehnen, vom Falter als "austro-amerikanisches Melancholierockquartett mit Elektronikeinschlag" eingestuft. "Awake" nennt sich der neue Geniestreich, auf dem sich zwischen zischelnden Becken, digital verzerrten Betas, entfernten Chorgesängen, treibendem Bass, groovigem Schlagzeugrhythmen, sphärischen Gitarrenakkordzerlegungen und minimalistischen Soundgefrikel die filigrane und zugleich enorm ausdrucksstarke Stimme von Joel Boyd erhebt. Ein beeindruckendes Album, das diesmal zunächst in einem Mix und in Kürze dann auch mit den Musikern selbst vorgestellt wird.

Für alle, die trotz Aufputschmittel diesen Musikmarathon nicht durchstehen, die sollten sich ein Beispiel an diesen Herrn hier nehmen oder aber ab Montagmittag die Sendung hier vollständig nachhören.

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