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Arthur Einöder

POP: Partys, Obsessionen, Politik. Ich fürchte mich vor dem Weltuntergang, möchte aber zumindest daran beteiligt sein.

28. 2. 2010 - 16:34

Nextcomic

Das Linzer Comic Festival ist gut und läuft noch bis 5. März.

Im obersten Stockwerk im OK ist viel los:

Nextcomic - noch bis 5. März an verschiedenen Locations in Linz.

Kinder laufen mit Simpsons-Masken durch den Raum, Comicsammler durchstöbern die Wühlkisten der Sammlerbörse, wo sie zwischen Anleitungen wie "Manga-Zeichnen leichtgemacht - Teil 8", gebundenen Ausgaben von Illustrierte Klassiker und in Bananenkisten verpackten Gesamtausgaben des Lustigen Taschenbuchs hoffen, einige Schätze für ihre Sammlung zu erstehen.

Mittendrin haben an zwei Tischen Gerhard Haderer und Til Mette Platz genommen. Die beiden Cartoonisten sind die Altstars der deutschsprachigen Szene. Quer durch den Raum stehen Fans Schlange und warten geduldig darauf, Unterschriften, persönliche Widmungen oder eine kleine gekritzelte Figur in ihr Buch zu bekommen.

comic

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Til Mette hat einen ganzen Raum im OK.

Im ganzen OK, und an insgesamt zwölf Locations in Linz, Wels und Traun, ist Comicfestival. Nextcomic.

"Wir haben Ausstellungen aus der ganzen Welt bekommen", erzählt Festivalleiter Gottfried Gusenbauer stolz. Letztes Jahr hat es das Festival zum Kulturhauptstadtjahr erstmals gegeben. Und während anderswo im Jahr 1 nach Linznullneun die Anstrengungen wieder merklich zurückgefahren werden, hat Nextcomic den Sprung in die Welt danach geschafft.

Logischerweise will man als größtes Comicfestival des Landes auch Impulsgeber für die heimische Szene sein. Die steckt im internationalen Vergleich aber freilich in den Kinderschuhen. Das mit den Kinderschuhen gilt gleich doppelt: einerseits, weil Infrastruktur, Interesse von Verlagen, Medien und Kundschaft noch recht ausbaufähig sind. Andererseits, weil gezeichneten Büchern immer noch der Beigeschmack des Kindischen anhaftet. Wie der nach eigenen Angaben große Comicfan, der Linzer Vizebürgermeister Erich Watzl in seiner Eröffnungsrede eindrucksvoll bewiesen hat: da hat er erstaunt von seiner Erkenntnis, Simpsons sind eigentlich gar nicht nur für Kinder, berichtet.

"Österreich hat da sicher noch Aufholbedarf", meint die Schweizer Autorin Kati Rickenbach, als sie ihre Tusche- und Pinselstifte zusammenpackt. Nach der Autogrammstunde sind ihre Filmriss-Bücher beim Verkaufsstand des Pictopia-Vertriebs ausverkauft. Sebastian Broskwa, der den Stand betreut, hilft der Schweizerin beim Abbau und gibt zu bedenken: "Gut, welches Land hat im Vergleich zu Japan, Frankreich oder Belgien keinen Aufholbedarf?"

Mehr zu "Kulbhushan trifft Stöckli" am Dienstag, 02.03. in der FM4 Homebase (19-22 Uhr)

Deswegen zeigt Nextcomic viele Comics und Graphic Novels. Installationen und Kunst, die sich an der Comicszene orientiert. Dem Cartoonisten Til Mette ist eine ganze Ausstellung im OK gewidmet. Kati Rickenbach ist mit dem indisch-schweizer Kulturaustausch Kulbhushan trifft Stöckli vertreten, der von indischen Artists in der Schweiz und Schweizer Artists in Indien erzählt, die eine Art Schüleraustausch gemacht haben und sich in bunten Bildern über die jeweils anderen wundern.

nextcomic

Beim Nextcomic-Weekender in der Kapu zeigt die lettische KünstlerInnenplattform kuš Illustrationen und ihr regelmäßig erscheinendes Heft, das von Zeichnerinnen und Zeichnern aus der ganzen Welt gefüllt wird. Ebenfalls in der Kapu zu sehen: die ständig wachsende Sammelausstellung The Last Match. Bislang haben da 185 Artists je ein 0,00166 m² großes Papierschnipsel gestaltet, das bequem in eine Streichholzschachtel passt und die Geschichte des letzten Streichholzes auf 185 Arten erzählt. Gut möglich, dass durch lokale Connections, zum Beispiel zum Unkraut Magazin, die Wanderausstellung mit den Streichhölzern auch durch österreichische Artists ergänzt wird.

Bislang haben sich an The Last Match aus heimischer Sicht etwa Nicolas Mahler und Ulli Lust beteiligt. Nicolas Mahler, auf diesen Seiten zuletzt mit seiner Luftschacht-Veröffentlichung "Längen und Kürzen" Thema, zählt nach jahrelanger Hobbyistenarbeit nun zu denjenigen Comic-Artists, die sich nicht mehr als Hungerkünstler herumschlagen müssen.

ulli lust

Ulli Lusts aktuelle Veröffentlichung "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens" wird via Lesetour aktuell gerade landauf landab vorgestellt - am Dienstag etwa im phil in Wien. Am Wochenende war die in Österreich geborene Berlinerin, wie könnte es anders sein, ebenfalls bei Nextcomic mit einer Lesung dabei. "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens" ist gleich aus mehreren Gründen ein Meilenstein.

Mehr zu "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens", am Dienstag, 02.03. in FM4 Connected (15-19 Uhr)

Erstens, weil ich mich an keine deutschsprachige Graphic Novel mit 450+ Seiten erinnern kann, die eine durchgehende Geschichte erzählt. Zweitens, weil sie diese autobiographische Geschichte unfassbar packend erzählt (zwei Punkmädchen trampen ohne Papiere in den Achtzigern allein nach Sizilien, wo sie ausnahmslos jeder flachlegen will, was aber nicht einmal im Sex-And-Drugs-And-Rock'n'Roll-Kontext spaßig ist). Und drittens, weil sie damit die Vorherrschaft der Cartoonisten in der österreichischen Comiclandschaft bricht (das ist wie mit den Kabarettisten bei den Schauspielern).

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Bernd Püribauer im Salzamt.

Handfester und humoristischer ist da schon die Ausstellung im Salzamt. Da hat der steirische Zeichner Bernd Püribauer 50 seiner Falter-Tiere der Woche versammelt, die er für die Wien-Grazer Zeitschrift jede Woche so aus dem Computer schießt. Von der Gräta Garbo (ein abgemagerter Fisch) bis hin zum Insekt (das in den Sekt stürzt) sind da ein paar gezeichnete Kalauer in Form einer sogenannten "Ausstallung" am Start. Bei der Performance zum Ausstellungsstart hat er seine Werke mit Unterstützung eines Doppelgängers zu Live-Volksmusikuntermalung selber aufgehängt. Die Ausstellung im Salzamt läuft noch bis Ende März. Und auch danach gehts comiclastig weiter, denn einige Ateliers im Salzamt werden auch übers Jahr diversen Comic-Künstlerinnen und Künstlern zur Verfügung gestellt. Damit der Püribauer nächstes Jahr nicht eine Eintagsfliege namens Nextcomic zeichnen muss.

Die Ausstellungen bei Nextcomic sind vielfältig, die meisten auch wirklich sehenswert. Von bemüht provinziell (Püribauer im Salzamt) bis anarchistisch intervenierend (Brigate Gialle im OK), von medientheoretisch gesellschaftskritisch (Vortrag "Charakterbindung in Ego-Shootern") bis soziokulturell aufrüttelnd (Installation Errorist Kabarett von der Biennale in Istanbul im OK) ist da viel dabei, auf dass keinem fad werde. Wer noch nicht dort war, sollte sich den ganzen Wahnsinn bei freiem Eintritt nicht entgehen lassen.

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