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Andreas Gstettner-Brugger

Vertieft sich gern in elektronische Popmusik, Indiegeschrammel, gute Bücher und österreichische Musik.

6. 12. 2009 - 12:51

Ein E für ein U

Die FM4 Soundparknacht mit Pendler, einer Depeche Mode Coverversionen Akustiksession, Bernhard Fleischmanns 90er Mix und Velojet.

Es ist schon seltsam. Früher habe ich die krude Distinktion von E- und U-Musik als etwas Selbstverständliches hingenommen. Doch in den letzten Jahren haben ich begonnen, diese eigentlich noch immer tief in der österreichischen Seele verankerte Unterscheidung zwischen Hoch- und Tief..., Verzeihung Subkultur, ernsthaft zu hinterfragen. Zumal ja auch im Sektor der alternativen Indiemusik die Grenzen immer mehr verschwommen sind. Da wird zum Beispiel sehr gewitzt und gekonnt mit Klassik auf dem Tanzboden "herumgealbert" oder aber Kunst und Pop grandios miteinander verschränkt, wie es beispielsweise Christian Fennesz schon in den 90ern gemacht hat, wobei der elektroakustische Einfluss sogar bis in die Club-Szene vorgedrungen ist.

Über die Verschränkung bestimmter Genres, die Auflösung von Begrifflichkeiten und sogar visueller und akustischer Medien soll es in dieser Soundparkausgabe gehen. Da dürfen Horrorfiguren durch die Nacht wandeln, man mit der Liebe Schiffbruch erleiden, die großen Heroen kopieren oder seine Jugend musikalisch aufarbeiten.

Pendeln zwischen Horror und Liebe

Wolfgang Thaler

Ein Projekt, in dem so ziemlich alle künstlerischen und populären Grenzen nieder gerissen werden, nennt sich Pendler. Gegründet wurde es von Programmierer, Video-Künstler und Gustav-Gitarrist Oliver Stotz, Sängerin, Performerin und Videokünstlerin Sabine Marte und Musiker Markus Marte und benannt nach dem Umstand, dass die drei für ihre regelmäßigen Treffen immer ein Transportmittel besteigen mussten. Dass trotz räumlicher Trennung dieser musikalisch-künstlerische Ideenpool überleben konnte, liegt daran, dass sich Sabine, Markus und Oliver mit ihren Tracks viel Zeit lassen. So hat es auch einige Klausuren, wie es die Band selbst nennt gebraucht, bis das zweite Werk "We Went From Destruction" fertig war.

Pendler

Pendler bestechen mit ihrem Projekt auf vielen Ebenen. Da wäre einmal die musikalische: durch clever und gezielt eingesetzte Reduktion kreiert der Dreier eine unglaubliche Spannung und gleichzeitig einen magischen Sog, der einen in das detailverliebte Klanguniversum von Samples, Feldaufnahmen und digitalen Beats sofort hineinzieht. Wenn einmal klassische Instrumente wie Gitarre auftauchen, dann werden sie oft verfremdet oder, wie die Blechblasinstrumente im Fall der grenzgenialen Nummer "Black Neoprene", bewusst als dramaturgische Übersteigerung eingesetzt. Der Text zu diesem folkigen Song stammt übrigens von einer Freundin der Band, Gerda Klingenböck, die nach einer längeren Beziehung richtig Schiffbruch erlitten hat und das unverblümt in recht epischen Analogien mitteilt. Passend dazu arrangierten Pendler das wohl zugänglichste Stück der Platte, das einen traurigen und zugleich hoffnungsvollen Unterton anklingen lässt.

Pendler live: 07. Dezember in Saumarkt/Feldkirch und am 10. Dezember mit Jochen Distelmayer im Spielboden/Dornbirn.

Wolfgang Thaler

Wieder eine andere Ebene, durch die Pendler vor allem konzeptuell überzeugen, ist vielleicht auch die wichtigste. Nämlich das filmische Element. Denn Pendler sind keine 08/15-Band, die in feuchten, muffigen Probekellern herumjammen, sondern bei der kleine Samples, Textfetzen oder auch kunstvolle Videoarbeiten als Inspiration für Tracks dienen können. So entwickeln sich manche Nummern erst von einer Videoumsetzung zu einem Albumstück, wobei auch gleich eine oft komplexere Metaebene mittransportiert wird. "One Step Away" geht von einer Videoarbeit aus und spielt mit der Idee, wie es wäre, einen Schritt hinein in einen Horrorfilm zu machen. Jedoch nicht wegen des Adrenalins oder der begehrten Gänsehaut, sondern um sich, wie Sabine es ausdrückt, "dem eigenen Desaster zu stellen". Denn Horrorfilme spiegeln gesellschaftlich konstruierte Ängste wider, die in jedem von uns schlummern.

Eigentlich ließe sich zu so ziemlich jeder Nummer von "We Went From Destruction" eine kleine, wissenschaftliche Abhandlung schreiben. Zugleich schaffen es Pendler, mit ihrer Musik schlicht und unmittelbar zu berühren. Sabine Marte und Oliver Stotz werden uns in einer Listening Session durch ihr komplexes Universum führen.

Being Depeche Mode

Es gibt viele österreichische Musiker, die Depeche Mode als einen ihrer Einflüsse nennen und zu ihren Pophelden zählen. Deshalb wurde vergangenen Mittwoch im Wiener fluc zu einer Depeche Mode Gala geladen, bei der - anlässlich des Depeche Mode Österreichkonzerts - vierzehn KünsterlInnen der Band rund um Dave Gahan Tribut zollten. Die Liste der Interpreten reichte von Tiefseetaucher über die Laokoongruppe und Sir Tralala bis zum Quellenchor.

Susi Ondrusova

Der Quellenchor im FM4 Studio. Hier werden gleich drei Neuinterpretationen von Depeche Mode Hits eingesungen.

Einige der MusikerInnen haben sich im Vorfeld auch bei FM4 eingefunden, um ihre persönlichen Interpretationen der Depeche Mode Stücke zum Besten zu geben. Aufgenommen von unserem erfahrenen Session Recorder und Producer Rudi Ortner entstand so eine breit gefächerte und sehr abwechslungsreiche Akustik Session, die es hier im FM4 Soundpark zum Nachhören gibt. Da steht neben der rockigen Version von Tiefseetaucher ein zerbrechliches und schönes Cover von Mika Vember, während sich Tanz Baby! den Songs von Depeche Mode im Schlagergewand nähern. Die Interpreten werden in dieser Stunde des FM4 Soundpark aber selbstverständlich auch zu Wort kommen.

Susi Ondrusova

Exaltierte Pose, große geste und charmante Coverversion von "Dream On".
artist song  
Die Austrian Depeche Mode Acoustic Session  
Tiefseetaucher It's No Good  
Mika Vember People Are People  
Mika Vember I Feel You  
Quellenchor Wrong  
Quellenchor People Are People  
Quellenchor Enjoy The Silence  
Tanz Baby Dream On  
Sir Tralala Suffer Well  
Clemens Haipl Stories Of Old  
Aber Das Leben Lebt Just Can't Get Enough  

Vom Kellergitarrennoise zum Knöpfchendrehen am Laptop

Vor rund zwanzig Jahren, als wir von MySpace, Youtube und diverse Blogs noch nicht mit den neuesten, unbekannten Hypebands überflutet wurden, war der Gang zum DJ nicht ungewöhnlich, wenn in einem Club oder in einer Bar eine gute und dem Hörer noch nicht bekannte Nummer aufgelegt wurde. Auf die Frage, was denn da gerade am Plattenteller rotiere, kam dann wie aus der Pistole geschossen ein schwärmerischer Monolog über den Interpreten, der meist jenseits vom kleinen Kanal oder großen Teich stammte. Doch wer aufgeschlossen für schrägere, ungewöhnlichere und manchmal auch rauere Klänge war, der staunte dann oft nicht schlecht, als er mit der Empfehlung des Vinyldrehers am nächsten Tag im Plattenladen seines Vertrauens plötzlich ein Werk aus Österreich in der Hand hielt.

Ckerstin Anders

So ging es zumindest Bernhard Fleischmann einige Male, als er Anfang der Neunziger mit offenen Ohren durch die Wiener Szene streifte. Bekannt wurde er durch sein Solo-Projekt B. Fleischmann, das zeitweise durch befreundete MusikerInnen wie Marilies Jagsch zu einem Kollektiv angewachsen ist, und unzählige DJ-Abende (oft im Wiener Rhiz), bei denen er sich zum Großteil den digitalen Beats hingab. Doch bevor Bernhard zum knöpfchendrehenden Laptopmusiker und DJ wurde, verbrachte er die meiste Zeit seines Lebens in Proberäumen und auf Bühnen hinter dem Schlagzeug.

Ein Musiker, DJ, Produzent und Musikfan, der wie geschaffen ist, uns seine österreichischen Lieblingsnummern der neunziger Jahre vorzustellen. Deshalb diesmal in der Soundpark Backkatalog Reihe zu hören: der "Back Tom My 90s Mix" von Bernhard Fleischmann, währenddessen unter anderem Ton- und Zeitdokumente von ersten Veröffentlichungen am Schlagwerk mit lärmigem Gitarrennoise zu hören sein werden.

Tipp: Marilies Jagsch spielt mit Band am 10. Dezember im Wiener Rhiz, vor und nach dem Konzert unterstützt von DJ Bernhard Fleischmann.

artist song  
Back To My 90s Mix von Bernhard Fleischmann  
Sore To Walk Alone  
Speed Is Essential Okay, Niki  
Deadzibel Emocore  
Strahler 80 Vertrauen Ist Gut  
Aber Das Leben Lebt Each Thought  
Franui Adam Und Eva  
Extended Versions Tell Me  
Shabotinski Half A Life  
Radian Transistor  
Fennesz Aus  

Schweres Gold und Wiener Elektronikforscher

Vienna Scientists

Ich bin eigentlich überhaupt kein Fan von Compilations. Das hat vielleicht mit der Zeit zu tun, als fast jedes Label mit seiner Kaffeehaus-Lounge-Downbeat-EasyListening-Zusammenstellung ein großes, saftiges Stück vom Kuchen abschneiden wollte. Eine Ausnahme waren für mich die Sampler der Vienna Scientists. Sie hatten über den Gedanken an gut komsumierbare Hörbarkeit hinaus die Aufgabe, als Verstärker für österreichische DJs und Produzenten im Ausland zu dienen. Mittlerweile ist die fünfte Werkschau veröffentlicht worden, die zugleich eine Jubiläumscompilation darstellt. Labelgründer Jürgen Drimal hat damit erneut Geschmack und ein gutes Händchen bei seiner Auswahl bewiesen. Herzliche Gratulation an dieser Stelle zum Zehnjährigen!

Velojet

Gratulieren kann man auch den Wienern Velojet, selbst wenn ihr neues Album "Heavy Gold And The Great Return Of The Stereo Chorus" erst Ende Jänner 2010 erscheinen wird. Denn der sonst eigentlich sehr selbstkritische und manchmal zweifelnde Songschreiber Rene Mühlberger wirkt diesmal recht zufrieden, was wirklich Großes vermuten lässt. Die erste Single "Pass It Back" erhöht auf alle Fälle gleich die Erwartungen. Streicher, Trompete, ein Glockenspiel und eigenwilliges Songwriting, gespickt mit spannenden Harmoniefolgen und ausgewogene Klangbildern malend, scheinen Velojet hier wirklich einen Goldschatz aus den Tiefen ihres kreatives Brunnens gehoben zu haben. Reifer, durchwachsener und trotzdem immer noch mit frischer Leichtigkeit erklingen die Songs von Rene Mühlberger, Marlene Lacherstorfer, Katharina Auinger und Michael Flatz. In den Morgenstunden lassen sich Rene und Marlene vielleicht auch dazu überreden, schon ein zweites Stück aus dem Album zu spielen, wenn sie im Studio Platz nehmen.

Der FM4 Soundpark startet am Sonntag 06. Dezember um 01:00 Uhr Nachts und läuft bis Montag 07. Dezember 06:00 Uhr früh!

Fahrplan durch die Sendung:

  • 01:00 bis ca. 01:20 Uhr: Neues aus dem FM4 Soundpark
  • 01:20 bis ca. 02:10 Uhr: Listening Session mit Pendler
  • 02:10 bis ca. 03:00 Uhr: Depeche Mode Coverversion Akustik Session
  • 03:00 bis ca. 04:00 Uhr: Bernhard Fleischmanns Back To My 90ies Mix
  • 04:00 bis ca. 05:00 Uhr: Vienna Scientists in the Mix
  • 05:00 bis 06:00 Uhr: Neuvorstellungen und Velojet zu Gast im Soundpark