Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Kolossale Jugend"

Philipp L'heritier

Ocean of Sound: Rauschen im Rechner, konkrete Beats, Kraut- und Rübenfolk, von Computerwelt nach Funky Town.

25. 9. 2009 - 18:53

Kolossale Jugend

Alles ist wahr: Die vier jungen Menschen von The xx sind das unterkühlteste, das brandheißeste Ding der Gegenwart. Auf ihrem Debütalbum errichtet die Band dem Minimalismus einen monochromen Altar. Triumph der Anti-Opulenz.

Romy Madley Croft und Oliver Sim stehen hinter uns und hauchen uns sich sanft umspielende Wehmutsduette in den Nacken. Das Erste, das einem beim Hören des Debütalbums von The xx aus Südlondon als SO noch selten gehört wohlig aufstößt, ist der Sound der Platte, Sound im tatsächlich studiotechnischen Sinne von: Klang. Einerseits ist das alles hier total Lo-Fi und runtergerockt schrottig, auf der anderen Seite erfährt man auf "xx" den glasklarsten, den kristallinsten, den intimsten und unmittelbarsten Wohlklang, den man seit Langem hat erleben dürfen. Wir stehen direkt im Proberaum, mitten unter den vier jungen Menschen von The xx - allesamt gerade mal um die 20 Jahre alt - und wir hören sie atmen und wir hören sie flüstern.

Sound und Musik von The xx bauen auf auf Minimalismus, auf das Platzlassen zwischen den präzise gesetzten Tönen, auf völlige Transparenz. Die Band legt Wert darauf, dass das, was sie da im Studio auf Tonträger bannt, auch mühelos live eins zu eins nachzustellen ist. Nachdem ein paar mit dem heimeigenen 8-Spur-Gerät aufgenommene Demos von The xx schon für ordentlich Buzz gesorgt hatten, waren von XL Records, dem künftigen Label der Band, flugs ein paar Studiotermine mit Worldbeat-Weltmeister Diplo und anderen Mischpultwizards arrangiert, die sich glücklicherweise als nicht sonderlich fruchtbar herausstellen sollten. Es sei zwar höchst lehrreich und inspirierend gewesen von deren Ideen beflügelt zu werden, sagt Sängerin Romy Madley Croft, letztlich hätten die Produzenten aber mit hyperkreativer Tüftelei nur zuviel ihrer eigenen Klangidentität über den Sound von The xx gestülpt. The xx haben ihr Debütalbum selbst aufgenommen, bei The xx geht es um die Essenz.

the xx

the xx

The xx

Der Versuch, eine betont "atmosphärische" Platte aufzunehmen, ein bedeutungsträchtig düsteres, ein "moody" Album, muss oft scheitern. Da ertrinkt man in dreißig Schichten Strings, melancholisch gemeintem Bar-Jazz und dem pampigsten Gefühlszinnober von TripHop. The xx sind zwei junge Frauen und zwei junge Herren, die bevorzugt schwarz tragen, und sie haben ein Album aufgenommen, in dem die leichteste, die unangestrengteste, die euphorisch machendste Trostlosigkeit ever wohnt, Nachtmusik with a heart. An kargem Bass und Gitarren, einer spartanisch stolpernden Drummachine und mit wie von einem halben Finger gedrückten Synthiefiguren bauen Romy Madley Croft, Baria Qureshi, Oliver Sim und Jamie Smith da eine spröde MUSIK zusammen, so zwingend beiläufig, gerade so wie an einem trüben Sonntagnachmittag auf dem Parkplatz vor dem Einkaufszentrum unachtsam aus dem Kapuzenpullover geschüttelt, auf der anderen Seite so meisterlich streng durchexerziert - man meint eine Band zu hören, eine Band auf der Höhe ihrer Kunst, mit ihrem vierten Album möglicherweise, nach ellenlangem Herumkauen auf Konzepten, Probieren und der hochseriösen Erstellung eines Masterplans. "xx", das zufällige, das geglückte Zusammenfallen von Ideen, ausgedacht kann sich das so ja wohl keiner haben.

the xx

the xx

The xx

Mit vier unterschiedlichen Menschen in der Band vereinigen sich, so wie das heute eben ist, auch vier unterschiedliche Hörgewohnheiten zu einem neuen Ganzen. Und so kann man dann natürlich, wenn man das denn will, so einiges von den so genannten "Einflüssen", von denen man jetzt immer lesen kann - und die die The xx auch immer gerne bereitwillig zu Protokoll geben - aus "xx" heraushören: Die Basis bildet da bassschwangerer Postpunk im Geiste von, ja eh, Joy Divison und ganz frühen The Cure, zerdehnt in Zeitlupe, verhuschter Dream Pop von Mazzy Star oder Galaxy 500, zusammengedacht mit - nicht angereichert durch - der Schrottplatzvariante von R'n'B, HipHop und Dubstep.

Bei The xx entsteht daraus aber nicht hyperzitatreicher, schlau-postmoderner, üppiger Stil-Overkill, wie in den letzten Jahren bei so vielen Produktionen üblich, sondern das Destillat, nackte Musik, Songs, richtige Songs, abgenagt aufs Skelett. Der zurecht oft bemühte Vergleich mit dem walisischen Trio Young Marble Giants greift da am ehesten: Die Young Marble Giants, die Ende der 70er / Anfang der 80er mit spärlichen Songminiaturen und ihrem einzigen Album "Colossal Youth" gezeigt haben, dass ein höfliches Fauchen und freundliche Zurückhaltung manchmal die ärgere Radikalität darstellen können. Die Young Marble Giants, eine Band, die The xx während der Aufnahmen zu ihrem Album noch nicht bekannt war.

the xx cover

the xx

"xx" von The xx ist bei XL / Beggars / Edel erschienen

Elf Songs, ohne Fehler: Wie ohne Mühe frei gesetzte Melodien, monotoner Singsang hebt an ein Jauchzen zu werden, ein scheppernder Beat, der gar nichts will und alles kann. Romy Madley Croft und Oliver Sim singen, ja, von der Liebe, und dann, man hat sich gerade erst an die Funktionsweise der Stücke gewöhnt, brechen die Songs nach gerade einmal drei Minuten auch schon wieder ab. Schlechtere Bands hätten da den Refrain noch eine Minute lang wiederholt, Streicher druntergepackt und keinem wäre das als übertrieben aufgefallen. The xx wissen was gute Popmusik ausmacht. Sie lassen uns mit dem Wunsch nach mehr zurück. Die Menschen werden kommen und fragen, was denn das ist, das da so einfach und umwerfend klingt. Die simpelste wie gleichsam wunderlich neu tönendste Popmusik ist das. The xx sind das: Unaufdringlich, gigantisch, kolossal.

Haftungsausschluss

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

Zum Eingabeformular Kommentieren

  • unger76 | vor 2825 Tagen, 18 Stunden, 48 Minuten

    ich als alter cure-fan find ja night time das beste stück des albums.

    Auf dieses Posting antworten
  • indieaner | vor 2826 Tagen, 18 Stunden, 51 Minuten

    sehr richtig das alles.

    unglaublich klass diese band.
    und außerdem wieder mal ein schönes artwork/cd-hüllenkonzept. taugt mir sehr.

    Auf dieses Posting antworten
  • zurvan | vor 2826 Tagen, 20 Stunden, 51 Minuten

    spitzen platte. spitzen kritik. nur warum hats so lange gedauert? und bitte mehr davon.

    Auf dieses Posting antworten
  • aphexmeetsautechre | vor 2826 Tagen, 21 Stunden, 8 Minuten

    kann man nur zufrieden kopfnickend zustimmen.
    ganz, ganz tolles album

    Auf dieses Posting antworten
  • summer2 | vor 2826 Tagen, 22 Stunden, 33 Minuten

    Super!

    Ganz toller Artikel! Für mich auch die(!) musikalische Entdeckung des Jahres!

    Auf dieses Posting antworten
  • mastamind | vor 2827 Tagen, 29 Minuten

    echt jetzt? gleich mal reinhören..

    Auf dieses Posting antworten
  • bonmot23 | vor 2827 Tagen, 8 Stunden, 49 Minuten

    WELT! WELT! Heart skipped a beat, besser geht's nicht.

    Auf dieses Posting antworten
    • lheritier | vor 2827 Tagen, 5 Stunden, 55 Minuten

      ja! das ist auch wirklich das beste! macht mich auch beim 300. mal hören noch sehr froh:)

  • freegumbo | vor 2827 Tagen, 9 Stunden, 58 Minuten

    find ich super.

    Auf dieses Posting antworten
  • kwikstep | vor 2827 Tagen, 10 Stunden, 37 Minuten

    ja, das hat schon was. sehr reduziert und gerade das bringt eine intensität. es klingt pur, nicht aufpoliert.. ohne viel effekthascherei. warum erinnert mich das an einen kettenrauchenden lou reed, ich kanns nicht sagen, denn der ist ja doch ganz anders stimmlich. vielleicht liegts an den bass-und gitarrenriffs. die lyrics hab ich noch nicht richtig gehört.

    Auf dieses Posting antworten
  • christianlehner | vor 2827 Tagen, 10 Stunden, 39 Minuten

    black t-shirt blues

    Auf dieses Posting antworten
    • fargonaut | vor 2825 Tagen, 30 Minuten

      und lotto spielen sie auch!