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Roland Gratzer

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24. 3. 2009 - 20:05

Die Maschine von Marly

Vom absolutistischen Repräsentationsobjekt zum verhassten Monarchen-Denkmal. Ein maschineller Diskurs.

Buch-Cover von Kräfte messen.

Kadmos Verlag

Das Buch "Kräfte messen - Die Maschine von Marly und die Kultur der Technik" ist im Kadmos Verlag erschienen.

Sie war das größte und beeindruckenste Bauwerk ihrer Zeit. Die Rede ist von der sogenannten "Maschine von Marly". Die Aufgabe dieses hölzernen Ungetüms war es, die oppulenten Springbrunnen und Wasserspielereien im Schloss Versailles mit sprudelndem Nass zu versorgen. Bei einer bescheidenen Leistung von rund 80 PS war die Maschine von Marly aber vor allem eines: Sinnbild der absoluten Macht von Ludwig dem XIV., der anhand dieser Maschine beweisen wollte: Ein absolutistischer Herrscher kann sogar die Natur bezwingen. Und selbst die gnadenlose Ineffizienz und die horrenden Enstehungskosten passten in dieses Bild. Denn wer König ist, der kann sich sogar eine solche Geldverschwendung leisten.

Dieser Maschine hat der Wiener Wissenschaftshistoriker Thomas Brandstetter seine Dissertation gewidmet, die nun auch als Buch erhältlich ist. Neben der Geschichte des Labyrinths aus Wasserrädern und Rohren ging es ihm vor allem um die Wahrnehmung der Maschine, die sich im Laufe der Jahrhunderte stark verändert hat.

Ein pompöses Monster

Anfangs wurde sie noch ob ihrer Ausmaße bewundert. Die Maschine gehörte zum Pflichttermin eines Frankreichaufenthaltes und ihr Bild prägte sogar königliche Medaillien. Selbst die damalige Dichterschaft konnte sich der Anziehungskraft der Mega-Pumpe nicht entziehen. So heißt es in einer damals entstandenen Ode:

"Nur deinen Gesetzen will die Seine sich beugen, wo deine Befehle den Lauf nunmehr lenken, nur dort wird fortan sie die Erde durchtränken"

Ein paar Fakten zur Maschine: 14 Wasserräder mit je 11 Metern Durchmesser trieben 259 Pumpen an, die das Wasser über eine Strecke von 1200 Metern transportierten. Durchschnittlicher Wirkungsgrad: 6,7 Prozent.

Dass die Maschine eigentlich recht ineffizient war, kümmerte in den Jahren nach ihrer Entstehung eigentlich niemanden. So konnten nur jene Fontänen auch wirklich sprudeln, die sich im Laufe des Tages in der Sichtweite des Königs befanden. Den Rest schaffte die Maschine einfach nicht. Und das, obwohl rund 60 Handwerker permanent damit beschäftigt waren, den Kreislauf des Wassers am Leben zu halten. Rund um das Seine-Ufer entwickelte sich dadurch eine eigene kleine Stadt inklusive Kapelle und Tavernen. Die ständig auftauchenden Besucher brachten den Bewohnern ein zusätzliches Körberlgeld ein.

Ein Gemälde der Maschine von Marly

Kadmos Verlag/Thomas Brandstetter

Ein beliebtes Reiseziel in der damaligen Zeit: Das Holzmonster von Marly.

Die Geburt der Effizienz

Im Laufe der Jahrzehnte kam aber langsam Kritik auf. Die Maschine sei zu ineffizient und zu teuer, hieß es damals. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts begannen sich gleichzeitig mit dem Start der Industrialisierung auch die Bewertungskriterien von mechanischen Apparaten zu ändern. Gab man sich früher noch mit einem imposanten Erscheinungsbild und komplizierten Mechanismen zufrieden, stellte man nun andere Anforderungen: In erster Linie zählte von nun an die Leistung. Und in dieser Kategorie zog die Maschine von Marly eindeutig den Kürzeren.

Ein konterrevolutionäres Ärgernis

Doch auch ein anderes Ereignis im damaligen Frankreich bedrohte die Existenz des ehemaligen Prestige-Projektes. Die Protagonisten der französischen Revolution sahen in der Maschine nämlich vor allem eines: Ein Beispiel für die Verschwendungssucht und Weltfremdheit des Königshauses. Der Entschluss war klar: Die Maschine muss weg. Ein Dichter schrieb damals über die Maschine:

"Ein höllisches Werk, ein wahres politisches Verbrechen, zementiert mit dem Blut des Volkes und schließlich ein durch Prunksucht der Despoten errichtetes Monument"

Dagegen protestierten allerdings die "normalen" Bewohner von Versailles. Denn auch ihre Wasserversorgung war von der Maschine abhängig. Nach langem Hin und Her wurde 1827 schließlich eine Dampfmaschine in Marly fertig gestellt, die den Wasserfluss aufrecht erhalten sollte. "20 bis 30 Jahre später konnte man aber überhaupt nicht mehr verstehen, warum man neben einem Fluss überhaupt eine Dampfmaschine hinstellt. Wo doch die Kraft des Flusses gratis zur Verfügung steht, muss man doch nicht extra Kohlen kaufen, um diese Dampfmaschine zu betreiben", erklärt Brandstetter. In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde schließlich eine moderne hydraulische Maschine gebaut, die bis 1967 im Einsatz war. Dann wurde sie abgerissen, das endgültige Ende der Maschine von Marly war somit besiegelt.

Thomas Brandstetter vor den Überresten der Maschine.

Thomas Brandstetter

Thomas Brandstetter vor den Überresten der Maschine von Marly.

Deutungsschwankungen

In seinem Buch geht Thomas Brandstetter der Frage nach, wie sich die Beurteilungskriterien von Maschinen im Laufe der Jahrhunderte verändert haben. Denn solch gigantische Maschinen wie die Wasserpumpe in Marly gab es bereits, als Begriffe wie Effizienz oder Wirkungsgrad noch keine wissenschaftliche Rolle gespielt haben.

Vom Kollektiv zum Genie

Ebenso wie diese Wahrnehmung hat sich allerdings auch das Bild des Erfinders geändert. Wer zum Beispiel nun wirklich als Erfinder der Maschine von Marly gilt, ist nicht ganz geklärt. In der damaligen Zeit war nämlich die Perfektionierung einer Maschine mit einem höheren Stellenwert versehen als deren simple Erfindung. Das Erfinden selbst galt als Tätigkeit des Sammelns, Vergleichens und Nachahmens. Erst im Zuge der Aufklärung erklärten sich die Erfinder zu genuinen Schöpfern einen Produkts. Man strebte nach Perfektion und Moderne. Gerade in Frankreich wurden die Erfinder somit zu regelrechten revolutionären Subjekten und Trägern einer modernen Zeit. Eine Zeit, in der man für die Maschine von Marly höchstens noch ein Kopfschütteln übrig hat.

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