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Zita Bereuter

Gestalten und Gestaltung. Büchereien und andere Sammelsurien.

21. 3. 2009 - 13:26

Die FM4 Bücherei mit Tilman Rammstedt

Der Bachmannpreisträger und Wortlautjuror empfiehlt seine drei Lieblingsbücher.

Die FM4-Bücherei ist keine herkömmliche Bücherei, in der man Bücher ausleiht, sondern eine, in der Bücher vorgestellt werden.
Der oder die BesucherIn der FM4 Bücherei stellt seine bzw. ihre drei Lieblingsbücher vor, bzw. Bücher, die man durchaus lesen sollte.

Diesmal zu Gast: Tilman Rammstedt

Tilman Rammstedt war 2008 wohl einer der ausgezeichnetsten deutschsprachigen Autoren: Mit seinem Text "Der Kaiser von China" überzeugte er in Klagenfurt Jury und Publikum gleichermaßen und gewann den Bachmannpreis, den Publikumspreis und den
Automatischen Literaturkritikpreis der Riesenmaschine. Außerdem im Herbst noch den Annette von Droste Hülshoff Preis. Zuvor hat er uns schon mit "Erledigungen vor der Feier" und mit "Wir bleiben in der Nähe" begeistert. Außerdem ist er Mitglied in der Schriftstellerboygroup "Fön".

2009 wird Tilman Rammstedt selbst Texte auszeichnen – ist er doch Jurymitglied beim FM4-Literaturwettbewerb "Wortlaut".
Dort wird er ein knallhartes Jurymitglied sein, erklärt er grinsend: "Ich werde alles Scheiße finden und nur eine Sache vielleicht gerade noch erträglich. Nein – ganz und gar nicht! Ich weiß nicht, ich hab es ja noch nie gemacht, aber umso gespannter bin ich."

Büchereiausweis mit gezeichnetem Selbstportrait von Tilman Rammstedt

Zita Bereuter

Wladimir Schinkarjow: Maxim und Fjodor

Wladimir Schinkarjow Maxim und Fjodor

Berlin Verlag

Schinkarjow, Wladimir: Maxim und Fjodor.
Übersetzt von Rausch, Beate. Berlin Verlag, Berlin 1998

Von Wladimir Schinkarjow Maxim und Fjodor. Das ist wirklich das Einzige, was man darüber sagen könnte. Maxim und Fjodor sind zwei St. Petersburger Langzeitstudenten, Alkoholiker wahrscheinlich, gerade der Maxim ein wahnsinniger Laberkopf mit einer leichten Zen Affinität, Zen-Buddhismus-Affinität, oder eigentlich gar nicht so leichten. Die beiden leben zusammen in einer kleinen Wohnung in St. Petersburg.Ich glaube, das spielt so in den 1970er Jahren, zumindest ist es damals geschrieben worden.

Das sind absolute Loser – Studenten, ohne jemals zur Uni zu gehen, es geht eigentlich nur immer darum, wo sie das nächste Getränk herbekommen. Aber wenn sie dann betrunken sind, dann haben sie auch große Geistesblitze. Und die haben Schüler, so wie große Gelehrte auch Schüler haben. Also zwei andere junge Männer, die auch immer dabei sind und trinken. Das Ganze wird auch so erzählt, wie es häufig so schön in der russischen Literatur ist, dass einfach dieses, man muss schon sagen "Versager-Leben", aufgewertet wird durch die ganz große Sprache.

Das Buch ist kein Roman, die Gattungsbezeichnung ist eigentlich sehr schwierig, weil es wird alles durch dekliniert. Es fängt an mit Maximen, deswegen auch "Maxim", das sind so kleine Aphorismen, da geht’s auch ein bisschen um den Marxismus, auch um Zen-Buddhismus, eben absurde und sehr kluge kleine Maximen, dann gibt es eine Reihe von kleinen Erzählungen, es gibt eine Art Briefroman auf zehn Seiten, es gibt ein Tagebuchroman auf zehn Seiten, es gibt ein Langgedicht, es gibt ein Theaterstück, es gibt hinten ein literarisches Glossar. Also eigentlich alle literarischen Gattungen sind auf diesen 200 Seiten einmal durch dekliniert. Immer mit diesen Charakteren: Maxim, Fjodor und diesen beiden Schülern.
Die einzig klassische Kurzgeschichte, die drin ist, ist absolut hinreißend. Da planen die einen Ausflug. Sonst schaffen sie es nur bis zum Kiosk vor die Tür, wo sie versuchen, einen selbstgebrannten Wodka aufzutreiben, weil Geld natürlich auch nicht in rauen Mengen vorhanden ist.

Wunderschön geschrieben, sehr lustig, sehr klug. Kann ich jedem sehr empfehlen.

Richard Brautigan: Der Tokio (Tokyo) - Montana - Express.

Brautigan, Richard : Der Tokio (Tokyo) - Montana - Express. Buchcover

Rowohlt Verlag

Brautigan, Richard : Der Tokio (Tokyo) - Montana - Express.
übersetzt von Günther Ohnemus, Rowohlt Verlag, Reinbek 1991

Das ist eine Kurzgeschichtensammlung, in der die Kurzgeschichten abwechselnd in den USA und Japan spielen, genauer gesagt in Tokio. Richard Brautigan ist amerikanischer Autor, ich glaube aus Montana und er hat lange in San Francisco gelebt und eine Zeitlang in Tokio. Kurzgeschichten, manchmal nur Kurzestgeschichten, manchmal sind die nur ein paar Sätze lang, erzählen von diesen Erlebnissen in Tokio.

Es klingt alles sehr authentisch und es ist auch nicht überzogen. Das Schöne ist natürlich dieser Kontrast zwischen dem ländlichen Montana und dem sehr urbanen Tokio, es ist nicht besonders touristisch. Also er erzählt nicht, was er da genau sieht, sondern es sind Beobachtungen. Ich glaube, er war da sehr alleine. Also er hatte wenige Freunde, es geht sehr viel um Einsamkeit, aber es ist halt immer, und das zeichnet eigentlich alle seine Kurzgeschichten aus, ein wahnsinnig detaillierter Blick.

In der schönsten Geschichte geht es um die Traurigkeit von irgendwelchen Strümpfen, die eine Frau trägt, die er in der U-Bahn sieht und wie er sich dann vorstellt, und wie er beschreibt, wie traurig diese Strümpfe sind, und wie er sich das Leben dieser Frau ausmalt. Oder es geht um eine Fliege in einem Restaurant. All diese Kleinigkeiten.
Also tatsächlich, diese ganz klassische Schriftstellerpose, er ist alleine, er sitzt irgendwo und beobachtet. Aber ich kenne niemanden, der so gut beobachtet wie er.

Peter Fischli, David Weiss: Findet mich das Glück?

Buchcover Fischli Weiss:  Findet mich das Glück?

Verlag der Buchhandlung König

Fischli, Peter/Weiss, David: Findet mich das Glück?
Verlag der Buchhandlung König, Köln

Dieses Schweizer Künstlerduo muss ich wohl nicht weiter vorstellen, die beiden sind sehr bekannt und auch "Findet mich das Glück?" ist mittlerweile ein wahrer Bestseller.

Seit einigen Jahren gibt es dieses kleine Buch, auch sehr günstig. Es besteht nur aus Fragen. Ich weiß nicht wie viele, etliche hundert. Ganz kurze Fragen, die sind handschriftlich, weiß auf schwarz. Immer so kleine Kärtchen, eigentlich.
Ein Dauerbrenner in Museumsshops.

Da sollte man sich immer zehn Stück mitnehmen. Es ist wahnsinnig gut. Die Fragen sind so originell, so klug, so lustig.

Meine neue Lieblingsfrage war jetzt "Wäre ich ein guter Japaner?" Das ist doch eine großartige Frage. Meine Lieblingsfrage beim ersten Lesen war "Ist mein Lügengebilde ein Wunderwerk an Innovation und Statik?" Es gibt auch ganz einfache Fragen, eben wie "Findet mich das Glück?"

Wortlaut 09
Alle Informationen auf fm4.orf.at/wortlaut.

Der Standard

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Man kann dieses Buch immer wieder zur Hand nehmen, ein zwei Fragen lesen und wahrscheinlich liest man es dann doch ganz durch, weil das dauert ja nur zehn Minuten. Und es sind so beruhigende Fragen. Man versucht auch gar nicht, die für sich zu beantworten. Ich finde das wahnsinnig beruhigend, dass man so viele Sachen einfach fragen kann und damit so alles ein bisschen in Zweifel zieht, aber auf nichts so richtig eine Antwort erwartet. Ich hatte immer wahnsinnig gute Laune, nachdem ich in dieses Buch geschaut hab.

Tatsächlich ist ja das tolle daran, dass man auf keine dieser Fragen eine Antwort findet. Über einige denkt man etwas länger nach – schön fand ich heute auch "Hängt vieles mit allem zusammen?" Sowas sollte man sich viel häufiger fragen."


Die FM4 Bücherei mit Tilman Rammstedt gibt es am Sonntag, 22. März in Connected (13-17 Uhr) zu hören.

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