Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Protest in der Au"

Arthur Einöder

POP: Partys, Obsessionen, Politik. Ich fürchte mich vor dem Weltuntergang, möchte aber zumindest daran beteiligt sein.

12. 3. 2009 - 17:50

Protest in der Au

25 Jahre nach Hainburg haben in den Mur-Auen südlich von Graz großflächige Rodungen begonnen. Ab Herbst entstehen dort zwei Kraftwerke.

Mitten im Auwald zu campieren ist vermutlich nicht das angesagteste Hobby der Welt, zumindest nicht Mitte März in der Steiermark. Kalt ist es, feucht, und auch sonst ist die Gegend zwischen Gössendorf und Kalsdorf an der Mur nicht rasend spannend, möchte man meinen. Dass sich Campen hier in den letzten Tagen trotzdem zu einem Trend entwickelt hat, liegt an den großen Maschinen, die da seit einigen Tagen auffahren und großflächig Wald roden.

Die Murauen mit einer Gesamtfläche von 1.480 Hektar sind
Landschaftsschutzgebiet und ein so genanntes biogenetisches Reservat - eine Auszeichnung, die vom Europarat vergeben wird. Die Regionen an der Mur zählen zu den größten und wertvollsten Auenlandschaften in Österreich. Die ausgedehnten Auwälder beherbergen bedrohte Vogelarten wie Schwarz-, Grau- und Mittelspecht sowie Wespenbussard und Schmetterlingsarten wie den Schwarzen Apollo. Der Fluss und seine Augewässer sind zudem Überlebensraum für Fischotter, Eisvogel und den Huchen. (Quelle: WWF)

Die so genannten Harvester sollen bis Ende der Woche an die achtzig Hektar Auwald dem Erdboden gleichmachen, das entspricht der Fläche von fast hundert Fußballfeldern. Hier, in der Au südlich von Graz wird kaum ein Stein auf dem anderen, beziehungsweise kein Fischotter auf seinem Platz bleiben. Im November beginnt der Bau von zwei Wasserkraftwerken. Rund 18 Megawatt Leistung soll jedes davon bringen. Genug, um beispielsweise den Bezirk Graz Umgebung ein ganzes Jahr lang mit Strom zu versorgen.

frau mit demo-transparent. dahinter ein traktor mit baumstämmen.

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Das Transparent sagt: Stoppt Naturzerstörung - Energiewende jetzt!

"Wasserkraft schön und gut, aber nicht hier", so sehen es die Umweltschützerinnen und Umweltschützer. "Entlang von Österreichs Flüssen gibt es bereits flächendeckend Kraftwerke. Jedes weitere würde das ökologische Gleichgewicht unverhältnismäßig stören", meint Martin Fuchs. Er ist Sprecher der Plattform zum Schutz der Mur-Auen und versteht nicht, wieso die Wälder hier abgeholzt werden sollen. Solarenergie, Biogas oder Biomasse: alles wäre ihm lieber als die beiden Kraftwerke, die hier entlang der Mur entstehen sollen.

Seit die großen Maschinen hier seit einigen Tagen den Auwald kahlschlägern, sind Peter und Christine auch vor Ort. Gemeinsam mit anderen UmweltschützerInnen versuchen sie, die großen Holzmaschinen aufzuhalten. "Einer kettet sich an den Baum, ein anderer wirft sich vor die Maschine. Dann dürfen die Fahrer nicht weiter, weil sie sonst Menschenleben gefährden würden", erklärt Peter. Ihm ist klar, dass sich durch solche Spielchen die Rodung nicht aufhalten lassen wird. Doch die Genehmigung für die Schlägerungsarbeiten läuft nur noch bis Sonntag. Bäume, die die Maschinen bis dahin nicht abgeholzt haben, bleiben zumindest bis auf Weiteres stehen.

zwei Otter beim essen.

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Diese Biberratten heißen auch Nutrias und kommen eigentlich aus Südamerika. Sie leben hier in den Teichen und Tümpeln.

"Natürlich haben wir Verständnis für friedliche Proteste von Umweltschutzgruppen", erklärt Urs Harnik, Sprecher der Energie Steiermark. "Wir produzieren hier sauberen Strom aus Wasserkraft für die Steiermark. Schon in der Planungsphase waren Anrainer und Umweltschützer miteinbezogen." Stimmt nicht - kontern die Umweltschützer, die sich über mangelnde Information beklagen. Doch Austausch hin oder her: der Umweltsenat des Landes und auch die Bundesbehörde haben grünes Licht zum Kraftwerksbau gegeben.

Dennoch lassen grüne Gruppierungen nichts unversucht. Beim Verwaltungsgericht hat etwa der Naturschutzbund Klage eingereicht. Laut Bescheid darf der Kraftwerksbau nämlich erst beginnen, wenn der gesamte Grund im Eigentum der Energie Steiermark steht. Das Gericht befasst sich jetzt damit, ob als "Baubeginn" der offizielle Termin im November gilt, oder schon der Beginn der Schlägerungsarbeiten. Aktuell weigern sich einige Anrainer noch, ihre Grundstücke zu verkaufen.

Manfred Gidl aus Fernitz hat sich vor einigen Tagen doch zu einem Verkauf breitschlagen lassen. Der 70jährige hat sein Leben lang in seinem Häuschen in der Au gewohnt. Jetzt hat er aufgegeben, aus Angst vor einer Zwangsenteignung. Er resigniert: "Keine Ahnung, was ich jetzt machen soll. Vielleicht eine kleine Mietwohnung, oder gleich ins Altersheim - ist ja alles schon wurscht." Kopfschüttelnd zeigt er hinunter auf den ehemaligen Wald, der jetzt einer Mondlandschaft gleicht. "Das Haus ist tadellos, gerade erst hab ich die Heizung richten lassen."

Das Gespenst "Enteignung" geht zwischen Kalsdorf und Gössendorf um. Urs Harnik von der Energie Steiermark will das Wort nicht in den Mund nehmen. Er hofft auf "die Bereitschaft zum Dialog" seitens der Besitzer. Sitzt im Fall des Falles die Energie Steiermark auf dem längeren Ast? "Dann wird man prüfen müssen, ob nicht schwerwiegende Interessen der Allgemeinheit überwiegen", sagt er, und spielt damit auf den einschlägigen Gesetzestext an.

ein harvester bei der arbeit.

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Diese Nadelbäume haben mit Auwald natürlich nichts zu tun. Hier wird gerade Platz gemacht für eine Zufahrtsstraße.

Doch nicht alle Anrainer sind gegen das Kraftwerk. Der Grundwasserspiegel soll steigen, von neuen Radwegen und Naturlehrpfaden will die Gastronomie profitieren. Den DemostrantInnen wird von einem Passanten empfohlen "endlich arbeiten zu gehen", statt im Wald herumzustehen.

Schon im vorigen Jahr hat das landeseigene Energieunternehmen einen 65 Seiten starken, begleitenden Maßnahmenkatalog vorgelegt. Über hundert Projekte sind darin verzeichnet, die Wald, Wasser und Menschen zu Gute kommen sollen. Von einem neuen Radwegenetz entlang der Mur, über Wiederaufforstungsversprechen, bis hin zu speziellen Maßnahmen, die die Tierwelt der Au erhalten sollen. Insgesamt zwanzig Millionen lässt sich das Unternehmen diese Begleitprojekte kosten.

"Immer noch viel zu wenig", schäumt Umweltschützer Martin Fuchs. "Es müsste einen zweiten Flusslauf geben, damit auch die Fische überleben können, vor allem der Huchen, der wird König der Mur genannt, weil er eben vor allem hier vorkommt." Überhaupt gilt die Tierwelt in den Auen südlich von Graz als einzigartig. Auf Betreiben des Naturschutzbunds hat Österreich nun EU-Verfahren wegen Verletzungen der Meldepflicht bedrohter Arten am Hals. Dass nämlich Alpenkammmolch und Co hier vorkommen, war den EU-Umwelthütern vorher gar nicht bekannt.

menschenkette vor bäumen. dahinter fahrräder.

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Jeden Tag treffen einander die Aktivistinnen und Aktivisten im Augarten in Graz. Mit den Fahrrädern gehts dann los in die Auwälder.

Hier sind die UmweltschützerInnen zuhause: mirmehrmur.spektral.at
Und hier die Energie Steiermark:
e-steiermark.com

Das Kraftwerk ist ein langfristiges Projekt. Obwohl sich der gigantische Bau erst in vierzig bis sechzig Jahren rechnen soll, hält der Energiekonzern am Plan fest. Ein weiterer Schritt zur steirischen Unabhängigkeit von Stromimporten, heißt es. Bis sich die Natur vom Einschnitt der Jahre 2009 bis 2012 erholt haben wird, könnte es überhaupt noch länger dauern.

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  • mistersimpson | vor 3053 Tagen, 2 Stunden, 51 Minuten

    eine zweischneidiges schwert...einerseits wollen wir keine atomkraftwerke in ö (was ich auch befürworte), andereseits budeln sich nun einige wegen dieser wasserkraftwerke auf. natürlich will ich auch nicht, dass sie die au-wälder abholzen, müssen diese kraftwerke grade dort gebaut werden?

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  • drhasenbein | vor 3056 Tagen, 1 Stunde, 15 Minuten

    Tja. soweit kommts das leute schon gegen die verwendung der wasserkraft sind. Was bleibt denn nach meinung der umweltschützer von den erneuerbaren energiequellen übrig zur grundlastversorgung? windkraft, solar etc. wohl kaum...

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    • pixacao | vor 3055 Tagen, 18 Stunden, 26 Minuten

      GUCKST DU NACH GÜSSING:

      die stadt güssing ist ENERGIEAUTARK und mittlerweile internationales vorzeigemodell für alternative energieversorgung.
      leider wissen die österreichischen bundespolitiker nichts davon -
      vielleicht weil sie wissen, dass die omv öl- bzw. gasabnahmeverträge mit russland bis ins jahr 2027 (!) hat ...
      wenn wir die fossile energie aus russland nicht mehr benötigten, wäre das ein ökonomisches desaster für die omv.

      deshalb lenkt man ab, lässt den verbund oder die landesenergiegesellschaften einzelne wasserkraftwerke bauen - im wissen, dass damit einzelne unternehmen/aktionäre einen schönen profit realisieren können, ohne dass aber das energieproblem gelöst wird und das geschäft der omv ernstlich bedroht ist.

      ich muss es leider so derb sagen:
      WIR HABEN ENTWEDER IDIOTEN ODER BETRÜGER AN DEN SCHALTHEBELN DER MACHT, DIE DEN GROSSEN ENERGIEWANDEL VERSCHLAFEN...
      INNOVATION gibts nur in einzelnen unternehmen bzw. gemeinden; die regierung aber hat die losung: windkraft geht nicht (schlecht fürs ortsbild! wenig wind! (hahahahahaha!)), solarenergie geht auch nicht (das geht maximal im sonnigen deutschland!) und für biomasse haben wir zu wenig wald (das geht maximal im waldreichen güssing!) etc.etc.

    • pixacao | vor 3055 Tagen, 18 Stunden, 23 Minuten

      und hier zwei links zu den innovativen burgenländern:

      http://tinyurl.com/cs7php

      http://tinyurl.com/c8eht2

  • headcore | vor 3056 Tagen, 13 Stunden, 55 Minuten

    man müsste die umweltschützer bezahlen, dann hat der passant keine argumente mehr.

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  • mizanthrop | vor 3056 Tagen, 13 Stunden, 57 Minuten

    mit händehalten springt vielleicht der funke über, aber man produziert keinen strom.

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  • moosesgarcia | vor 3056 Tagen, 18 Stunden, 9 Minuten

    Die ganze Sache ist aber ein wenig komplexer als hier dargestellt. In Österreich lehnen wir Atomkraft ab. Das ist grundsätzlich gut und klug. Andererseits importieren wir Atomkraft, weil wir unseren Energiebedarf alleine nicht mehr decken können. Kohlekraftwerke oder andere Verbrennungskraftwerke sind ökologische Katastrophen und als Neubau sicherlich außer Frage.

    Solarenergie, Biogas oder Biomasse sind Alternativen, allerdings (noch) sehr unbefriedigende. Für Solarenergie im eigenen Land fehlt die Fläche, Biogas und Biomasse sind auch bei weitem nicht so lukrativ wie angenommen. Diverse Projekte in diese Richtung sind zwar ein guter Vorstoß, allerdings kann zur Zeit noch nicht davon gesprochen werden, dass sie eine wahre Option darstellen.

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    • moosesgarcia | vor 3056 Tagen, 18 Stunden, 5 Minuten

      Windkraft ist bei weitem nicht so toll wie angenommen. Für einen ernst zu nehmenden Windparkt braucht man große, flache und vor allem unbewohnte (Windräder sind sehr laut, sehr störend und nicht sehr schön) Gegenden, die in der notwendigen Dimension so nicht vorliegen. Die derzeitigen Windräder sind ein positives Zeichen, aber nur ein Tröpferl auf dem heißen Stein.
      Der Punkt ist: der Energieverbrauch steigt dramatisch an, Wasserkraftwerke können immer weniger Bedarf decken: Während 1990 noch 56,7 Prozent des Stroms aus heimischen Gewässern gewonnen wurde, sank der Anteil auf aktuell 43,7 Prozent. Dieser Trend wird sich unweigerlich fortsetzen.
      Ich will jetzt keine Lanze für den Kraftwerksbau in der Au brechen, aber die Realität zwingt nun einmal dazu.
      Wichtiger als sich vor Bagger zu legen, ist vernünftige Verhandlungsführung, sodass ein solcher Bau auch unter allen notwendigen ökologischen Aspekten von statten geht und notwendige Ausgleichsmaßnahmen getroffen werden.

    • moosesgarcia | vor 3056 Tagen, 18 Stunden,

      Die Situation 2009 ist nur bedingt mit Hainburg 1984 zu vergleichen. Damals war es ein wichtiges Zeichen gegen die bedingungslose Industrialisierung der Natur, der Ursprung des Naturschutzes in Österreich.
      Solche Maßnahmen reichen heute nicht mehr aus, die Sachlage ist komplexer. Entweder wir stellen uns der Wahrheit, dass die Energieerzeugung bald nicht mehr von uns zu tragen ist, was bedeutet, dass wir jede Kontrolle darüber verlieren, wie sie erzeugt wird; oder wir versuchen selbst ökologische sinnvolle Kraftwerke zu bauen UND unseren Energieverbrauch drastische zu senken. Dass es dabei zu traurigen Einschnitten, wie die Rodung gewisser Auflächen kommt, ist schmerzhaft, aber weniger schmerzhaft als die Konsequenz eine Entwicklung verschlafen zu haben und jedwede Energie, die uns angeboten wird, annehmen zu müssen (und hier sind wir wieder bei Schrottreaktoren, Kohlekraftwerken und ähnlichem).
      Der Punkt ist: Man muss hier größer und zukünftiger denken, den Kompromiss suchen und anachronistischen Aktionismus außen vor lassen. So sieht es nunmal aus, auch wenn das wenig glamourös ist...

    • toteraltermann | vor 3056 Tagen, 16 Stunden, 27 Minuten

      In Wahrheit reicht nichtmal die Wasserkraft aus, um den Energiebedarf vollständig zu decken.
      Alle Wasserläufe bergen nur begrenzt potentielle Energie, Solarenergie kann vielleicht grade mal die Privathaushalte versorgen, Windenergie s.o., Kernkraft ist der reine Selbstmord, ebenso wie fossile Brennstoffe.
      Bleibt nur noch eine Wahrheit, die sehr viel unangenehmer ist als Auwaldrodung.

    • mindtrial | vor 3056 Tagen, 13 Stunden, 54 Minuten

      Willst du damit allen Ernstes behaupten, dass in Österreich keine Gaskraftwerke mehr gebaut werden?

    • mindtrial | vor 3056 Tagen, 13 Stunden, 47 Minuten

      @toteralter

      Deshalb müssen wir in die Forschung zur Wirkungsgraderhöhung der Fotovoltaik investieren. (Bei allem möglichen profittauglichen Blödsinn redet mensch sich auf den Fortschritt und kommende Technologieentwicklung raus, bloß wenn es um Systeme mit Unabhängigkeitspotenzial geht, soll mensch sich plötzlich "keine Illusionen" machen..)

      Große solarthermische Anlagen in Wüstengebieten wären auch eine Option.

      http://de.wikipedia.org/wiki/Solarthermie#Parabolrinnenkraftwerk

    • headcore | vor 3056 Tagen, 13 Stunden, 42 Minuten

      nur noch eine wahrheit? welche wär das denn?

      die sauberste alternative: energieverbrauch senken. nur wie soll das gehen? und die wirtschaft braucht energiesicherheit - welches unternehmen will sich ansiedeln, wenns keine stromausfallsgarantie gibt? schon mal gemessen, wieviel der (billige) fernseher (mit dem billigen netzteil) im standby sauft?

      der silicon valley hat z.b. eine lange energieproblemtradition. bei server(farme)n ist der wichtigste verkaufsgrund energieeffizienz (strom/downtime ist teuerer als prozessoren).

      stellt sich die frage, was bei uns teurer ist: energie zu produzieren oder energie zu sparen. letzteres hat allerdings einen nachteil - energiesparen schafft keine arbeitsplätze, nur arbeit.

      um die nutrias ist es übrigens nicht wirklich schad, die stammen afaik ja aus mariatrost (deswegen gibts bei uns so viele albinos). außerdem fressen die viecher unvorsichtige kinder.