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Johanna Zechner

Über Vergangenes und Gegenwärtiges. Und was das alles mit unserem Alltag zu tun haben könnte.

8. 3. 2009 - 15:10

Frauentag!

Seit 1911 wird er gefeiert, wer ihn erfunden hat ist unklar. Zur Entstehungsgeschichte des internationalen Frauentags.

Mit Feiertraditionen ist das so eine Sache. Frau begeht sie oder nicht. Aber warum gibt es den Frauentag eigentlich? Geschichte nachlesen ist im Wikipedia-Zeitalter recht unkompliziert. Aber der Frauentag hat viele Geschichten. Hier ist noch eine Version. Oder besser gesagt, der Versuch verschiedene geltende Versionen zusammenzufassen.

Women's World Awards

jörg carstensen

Der "Womens World Award" - dort sind alle schön und gut. Das Ganze hat aber nichts mit dem internationalen Frauentag zu tun.

Heute bekommen wir vor allem zwei Gesichter des Frauentages zu sehen. Einerseits die kapitalistische Fratze, die sich überall zeigt, wo es etwas zu verkaufen gibt, auch wenn es schöne Blumen oder Gute Taten sind.
Auf der anderen Seite starren uns seit Jahren aus den Medien die gleichen Statistiken zu Frauenerwerbsquote, zur Lohnschere oder gar zur Gewalt gegenüber Frauen entgegen.
Was es am Frauentag auch noch gibt, und das seit ca. hundert Jahren, sind Veranstaltungen und Demonstrationen von Frauen für Frauen, die sich mit dem "Frau sein" auseinandersetzen und für die Rechte von Frauen in unserer Gesellschaft einsetzen.

Blumen

flickr.com/photos/kanonn/

Ein paar Blumen zum Frauentag oder doch zum Muttertag?

Ins Leben gerufen wurde der Frauentag von Sozialistinnen, die für die Rechte der arbeitenden Frauen eintraten. Genauso wie Feierrituale und Forderungen haben sich auch Erzählungen rund um die Entstehungsgeschichte des Frauentages je nach nationalen und politischen Interessen verändert.

Gründungsmythen

Es gibt viele Ursprungserzählungen zur Etablierung des internationalen Frauentags. Fest steht, dass sich der 8. März als Datum erst nach und nach durchsetzen konnte.
So soll z.B. die deutsche Sozialistin Clara Zetkin (1857-1933) 1910 auf der "Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz" in Kopenhagen die Errichtung eines "Internationalen Frauentages" vorgeschlagen haben.

In den USA haben SozialistInnen schon 1909 den letzten Sonntag im Februar zum "Nationalen Tag der Frau" erklärt. In Wien und Paris wurde – anlässlich des 40. Jahrestages der "Pariser Kommune" – wiederum am 18. März 1911 ein "Tag der Frau" begangen. In Russland gilt der St. Petersburger Frauenaufstand vom 23. Februar 1917 - nach Julianischem Kalender der 8. März – als "Internationaler Frauentag".

Der Aufstand der St. Petersburger Frauen galt als Auslöser für die Februarrevolution. Eine weitere Erzählung ist, dass der Frauentag am 8. März 1945 im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück begangen wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen vor allem kommunistische Frauen darauf Bezug. Die Feierlichkeiten zum Frauentag standen im Zeichen des Widerstandes gegen Faschismus und Kapitalismus.

Ideologische Abgrenzungen

Die ideologischen Abgrenzungen im Zuge des Kalten Krieges brachten es mit sich, dass sozialistische und kommunistische Entstehungsgeschichten des Frauentages in Westeuropa und den USA durch eine andere Gründungslegende abgelöst wurden.

Am 8. März 1857 wären New Yorker Textilarbeiterinnen gegen niedrige Löhne und zunehmende Arbeitsbelastung in den Streik getreten. Dabei wäre es zu einer gewalttätigen Auslösung der Protestaktion durch die Polizei gekommen, es hätte Festnahmen und Todesfälle unter den Frauen gegeben. Fünfzig Jahre später - am 8. März 1907 - wurde dieser Demonstration erstmals gedacht und seither wurde jährlich daran erinnert. Der Vorfall wurde allerdings Anfang der 1980er-Jahre von Historikerinnen als Mythos entlarvt.

blumen

myspace.com

Blumen für die liebe Mutti gab und gibt es auch am Frauentag.

In den realsozialistischen Ländern entwickelte sich der 8. März zum staatlichen Muttertagsersatz. Neben der üblichen "Staatsdarstellung" an sozialistischen Feiertagen wurde den Frauen gratuliert, ihnen wurden Geschenke überreicht und Männer beteiligten sich einen Tag lang an der Hausarbeit. Der Frauentag wurde zum "sozialistischen Muttertag". Aber auch in Westeuropa kam es in der Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit der 1950er und 1969er Jahre infolge der zu dieser Zeit tradierten konservativen Geschlechterbilder zu einer inhaltlichen Verschmelzung von Frauen- und Muttertag.

Feministische Aneignungen

Erst infolge des Aufbruchs von 1968 und der Entwicklung der zweiten Frauen- und Lesbenbewegung wurde der Frauentag weltweit auch von autonom-feministischer Seite in Anspruch genommen.

Bis heute feiern sehr unterschiedliche Frauengruppen den "Frauentag" als "ihren" Feiertag. Forderungen nach arbeitsrechtlichen Verbesserungen für Frauen oder nach der Gleichstellung von Frauen und Männern in allen Lebensbereichen, mit denen die Aktivistinnen seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts an die Öffentlichkeit treten, sind nach wie vor aktuell. Das beweisen einschlägige Statistiken und Untersuchungen, die jedes Jahr rund um den 8. März veröffentlicht werden.

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Forum

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  • schreck | vor 3026 Tagen, 9 Stunden, 17 Minuten

    Der Muttertag wurde in den faschistischen und nationalsozialistischen Ländern als Frauentagersatz übernommmen, nicht umgekehrt. Leider hatte man nach dem 2. WK in unseren Breiten vor sozialistischen Gedenktagen mehr Angst als vor sozialistischen, so daß der unsägliche Muttertag nach wie vor gefeiert wird.

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  • nyxx | vor 3027 Tagen, 9 Stunden, 17 Minuten

    "Frauen machen weltweit zwei Drittel der anfallenden Arbeit, haben aber nur einen 10% Anteil am Gesamteinkommen."

    Ich muss ja gestehen, dass ich mir selbst oft viel zu wenig Gedanken über berufliche Gleichberechtigung mache - irgendwie gehe ich immer davon aus, dass wir als moderne westliche Gesellschaft mittlerweile schon viel weiter sind. Aber bei solchen Meldungen wird mir schlecht.

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    • moosesgarcia | vor 3027 Tagen, 8 Stunden, 4 Minuten

      Man mag ja über die Debatten über Gleichberechtigung in Österreich denken, was man will, aber weltweit betrachtet sind Frauen immer noch in einer beschissenen Lage. Bewegt man sich nur ein bisserl aus der so genannten westlichen Welt raus, sieht man erst das Ausmaß der Tragödie. Dabei muss es sich nicht um islamische Gottesstaaten handeln. Auch buddhistische Länder wie Sri Lanka unterdrücken ihre Frauen in einem grauslichen Ausmaß...